1. Petrus Kapitel 1 Teil I

1. Petrus 1.1-2

Petrus, ein Apostel Jesu Christi, den erwählten Fremdlingen der Diaspora von Pontos, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, durch die Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Besprengung des Bluts Jesu Christi. Gott gebe euch viel Gnade und Frieden!

 

Petrus, ein Apostel Jesu Christi. – Was dieser Gruß mit denen des Paulus gemein hat, bedarf keiner neuen Erläuterung. Wo Paulus, ohne sich eines weiteren Zeitworts zu bedienen, einfach Gnade und Friede wünscht, sagt Petrus: Gott gebe euch viel Gnade und Frieden. Das macht aber im Sinn keinen Unterschied. Denn auch Paulus wünscht den Gläubigen nicht bloß einen Anfang von Frieden und Gnade, sondern ein Wachstum, in welchem Gott einst vollenden soll, was er in ihnen angefangen hat.

Den erwählten Fremdlingen. – Man könnte fragen, woher Petrus dies weiß, denn Gottes Erwählung ist geheim und lässt sich nur durch eine besondere Offenbarung des Geistes erkennen. Ein jeglicher wird durch das Zeugnis des Geistes der eignen Erwählung vergewissert, kann aber bezüglich der andern keine Gewissheit haben. Ich antworte, dass man über die Erwählung der Brüder nicht ängstlich fragen, sondern sein Urteil vielmehr auf ihre Berufung stützen soll: Die durch Glauben Glieder der Gemeinde geworden sind, soll man für auserwählt halten. Denn sie sondert Gott von der übrigen Welt ab, was ein Zeichen der Erwählung ist. Gewiss fallen sehr viele, in denen bloßer Heuchelschein ist, wieder ab; aber es ist ein Urteil der Liebe, nicht des Glaubens, wenn wir alle als Auserwählte ansehen, an welchen sich das Zeichen der göttlichen Annahme zur Kindschaft sehen lässt. Der Zusammenhang zeigt aber, dass der Apostel deren Erwählung nicht aus Gottes verborgenem Rat erkennen will, sondern aus den Wirkungen erschließt. Denn kurz darauf (Vers 2) gründet er dieselbe auf die Heiligung des Geistes. Soweit also ein Mensch als durch Gottes Geist wiedergeboren sich erkennen ließ, rechnet Er ihn unter die Auserwählten; denn Gott heiligt nur diejenigen, die Er zuvor erwählt hat. Zugleich aber erinnert der Apostel daran, aus welchem Quell die Erwählung fließt, die uns aus der Welt aussondert, damit wir nicht mit ihr zugrunde gehen: Wir sind erwählt nach der Vorsehung Gottes. Hier liegt die Quelle und die erste Ursache, dass Gott vor Schöpfung der Welt sich diejenigen ersehen hat, die Er zum Heil erwählen wollte. Man soll aber klüglich darauf merken, wie diese „Zuvorersehung“ verstanden sein will. Sophistische Lehrer, die Gottes Gnade verdunkeln möchten, träumen davon, dass Gott eines jeglichen Verdienst voraussehe; so ergebe sich der Unterschied zwischen den Verworfenen und Auserwählten, je nachdem der eine dieses, der andere jenes Los verdient habe. Die Schrift dagegen stellt überall Gottes Vorsatz, in welchem unser Heil begründet liegt, unseren Verdiensten gegenüber. Wenn also Petrus sagt, dass wir erwählt sind nach der Vorsehung Gottes, so gibt er zu verstehen, dass der Anlass nicht irgendwo anders liegt, sondern allein in Gott gesucht werden muss: Seine freie Selbstbestimmung ist der Grund unsrer Erwählung. Durch Gottes Zuvorersehung also wird alle Rücksicht auf menschliche Würdigkeit ausgeschlossen. Wir haben darüber zum ersten Kapitel des Epheserbriefes und auch sonst ausführlicher gehandelt. Obwohl nun aber der Apostel bei unserer Erwählung die erste Stelle dem freien, göttlichen Wohlgefallen zuweist, so ist auf der anderen Seite doch seine Absicht, die Erkenntnis davon auf ihre Wirkungen zu gründen. Denn nichts ist gefährlicher und verkehrter, als dass man die Berufung dahinten lasse und die Gewissheit seiner Erwählung in Gottes Zuvorersehung suche. Hier ist ein gar zu tiefes Labyrinth. Um dieser Gefahr zu begegnen, wendet Petrus einen trefflichen Zügel an. Gewiss will er unsere Blicke zuerst auf Gottes Ratschluss lenken, der seinen Grund allein in sich selbst hat; alsbald aber weist er uns auf die Wirkungen, durch welche Gott uns die Erwählung eröffnet und bezeugt. Diese Wirkungen haben wir in der Heiligung des Geistes, das heißt in einer wirksamen Berufung, indem sich zur äußeren Predigt des Evangeliums der Glaube gesellt, der aus der inneren Anregung durch den Geist erwächst.

Die Bezeichnung der Leser als auserwählte „Fremdlinge“ deuten viele bildlich; die Frommen sollen so bezeichnet werden, weil sie in dieser Welt als Fremdlinge zum himmlischen Vaterland streben. Das ist aber ein Irrtum, wie sich aus der weiteren Bezeichnung ergibt: Fremdlinge der Diaspora von Pontos, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, durch die Heiligung des Geistes. Dieser Ausdruck passt allein für Juden, nicht bloß insofern sie hierhin und dorthin von ihrem Vaterlande zerstreut, sondern weil sie aus dem Lande vertrieben waren, welches der Herr ihnen als ein ewiges Erbe versprochen hatte. Später allerdings (2.11) werden alle Gläubigen Fremdlinge genannt, weil sie auf Erden in der Fremde wallen; hier aber ist die Bedeutung des Wortes eine andere. Fremdlinge hießen die Juden darum, weil sie sich teils in Pontus, teils in Galatien, teils in Bithynien in der Diaspora oder Zerstreuung befanden. Wir dürfen uns auch nicht wundern, dass Petrus diesen Brief insbesondere für Juden bestimmt hat; denn er wusste sich, wie wir von Paulus hören (Galater 2.8), insbesondere zu deren Apostel bestellt. Die Landschaften, die er aufzählt, umfassen den ganzen Zug von Kleinasien, der sich vom Schwarzen Meer bis Kappadocien erstreckt.

Zum Gehorsam und zur Besprengung des Bluts Jesu Christi. – In diese beiden Stücke, von welchen das eine auf die Erneuerung des Lebens, das andere auf die Vergebung der Sünden deuten dürfte, legt sich die Heiligung des Geistes auseinander. Haben wir aber in diesen Stücken Teile oder Wirkungen der Heiligung, so ist der Heiligungsbegriff hier etwas anders, nämlich weiter gefasst als gewöhnlich bei Paulus: Gott heiligt uns, indem Er uns wirksam beruft. Dies geschieht aber, wenn wir zum Gehorsam gegen Seine Gerechtigkeit erneuert und durch die Besprengung mit Christi Blut von Sünden gereinigt werden. Dabei scheint eine Anspielung an die alte Zeremonie der Besprengung vorzuliegen, die unter dem Gesetze gebräuchlich war. Wie damals zur Schlachtung des Opfertiers und zur Vergießung des Blutes die Besprengung des Volkes kommen musste, so würde es uns auch heute nichts nützen, dass Christi Blut vergossen ward, wenn durch dasselbe nicht unser Gewissen abgewaschen würde. Wir haben also zwischen den Zeilen den Gegensatz zu lesen: Wie einst unter dem Gesetz die Besprengung mit Blut durch die Hand des Priesters vollzogen wurde, so hat jetzt der Heilige Geist unsere Seelen zum Zweck der Sühne mit Christi Blut besprengt. Alles in allem ergibt sich der Gedanke, dass unser Heil aus Gottes gnädiger Erwählung fließt, dass wir aber dasselbe zugleich mit der Erfahrung des Glaubens erfassen müssen, nämlich darin, dass der Herr uns durch Seinen Geist heiligt. Des Weiteren hat unsere Berufung einen doppelten Erfolg und Zweck: Wir sollen zum Gehorsam gegen Gott erneuert und durch Christi Blut abgewaschen werden, und beides ist ein Werk des Heiligen Geistes. Wir ziehen daraus den Schluss, dass weder Erwählung und Berufung, noch die aus Gnaden geschenkte Gerechtigkeit des Glaubens und die Erneuerung des Lebens voneinander getrennt werden dürfen.