Epheser Kapitel 4 Teil V

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Epheser 4.17-19

So sage ich nun und zeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr wandelt, wie die anderen Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes, welcher Verstand verfinstert ist, und sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, so in ihnen ist, durch die Blindheit ihres Herzens; welche stumpf sind, und ergeben sich aller Zügellosigkeit, und treiben allerlei Unreinigkeit mit Gier.

 

So sage ich nun und zeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr wandelt, wie die anderen Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes. – An die Aussprache über die Ordnung, welche Christus Seiner Gemeinde zu ihrer Erbauung gegeben hat, schließt sich ein Hinweis auf die Früchte, welche die evangelische Lehre im persönlichen Leben der Christen zeitigen soll. Man kann auch sagen, dass der Apostel jetzt die Auserbauung, welche sich aus der Lehre ergeben muss, in ihren einzelnen Zügen darlegt. Zunächst warnt er die Epheser vor dem inhaltlosen Treiben der Ungläubigen, welches mit ihrer Berufung zu Christus in Widerspruch stehen würde. Wäre es doch unbegreiflich, wenn Leute, welche in Christi Schule das Licht der Heilserkenntnis aufging, in diesem eitlen Wesen untergehen und sich in nichts von den Ungläubigen und Blinden unterscheiden wollten, in deren Herz niemals ein Strahl der Wahrheit fiel! So ergibt sich notwendig aus allen früheren Darlegungen der Schluss: Christen sollen in ihrem Leben zeigen, dass sie nicht umsonst Christi Jünger wurden. Das bezeugt der Apostel mit besonderem Nachdruck in dem Herrn. So wird es uns eingeprägt, dass wir Rechenschaft werden geben müssen, wenn wir diese Mahnung verachten.

Unter den anderen Heiden versteht Paulus diejenigen, die sich noch nicht zu Christus bekehrt haben. In dem Hinweis auf sie liegt eine Erinnerung für die Epheser, wie nötig es für sie ist, im Stande der Bekehrung zu verharren; denn in ihrem natürlichen Stande waren sie ebenso verloren und verderbt wie die anderen. Ein Blick auf die in ihren eigenen Augen abschreckend hässliche Verfassung ihrer heidnischen Volksgenossen musste sie zum Fortschritt in der Besserung reizen. Es ist also des Apostels Wille, dass die Gläubigen sich von den Ungläubigen unterscheiden sollen; und er sagt auch alsbald, warum: Von den Ungläubigen, welche Christi Geist noch nicht wiedergeboren hat, heißt es, dass sie in der Eitelkeit ihres Sinnes wandeln. Also der Sitz der Vernunft, welche den Willen bestimmt und somit eine Hauptrolle im Leben des Menschen spielt, ist hohl geworden: So haben die bösen Begierden ihren Zügel verloren. Die Vernunft geht in die Irre, gerade bezüglich der höchsten Dinge. Fällt nun auf die Vernunft, welche den Willen leiten soll, solche Schande, so kann von einem freien Willen, wie ihn der Stolz der Menschen träumt, keine Rede mehr sein. Aber scheint dem allen nicht die Erfahrung zu widersprechen? Denn die Menschen sind doch nicht so blind, dass sie überhaupt nichts mehr sehen, und nicht so hohl, dass sie jede Urteilsfähigkeit verloren hätten. Trotzdem müssen wir festhalten, dass in Dingen des Reiches Gottes und des geistlichen Lebens das Licht der menschlichen Vernunft sich nur wenig von der Finsternis abhebt: Es wird verlöschen, noch ehe es den Weg weisen kann. Unser sogenannter Scharfblick ist nicht vielmehr als Blindheit; er wird erlöschen, ehe er sich irgend fruchtbar erwiesen hat. Winzige Fünkchen von Wahrheitskenntnis sind ja vorhanden; aber sie werden durch unser verkehrtes Wesen erdrückt, ehe sie zur Anwendung und zum wirklichen Gebrauch kommen können. So weiß man zum Beispiel wohl, dass es einen Gott gibt, und dass Er von uns verehrt werden muss; aber infolge unserer Verderbtheit und der Unwissenheit, die uns beherrscht, bilden wir uns gleich aus unseren verworrenen Gedanken ein Götzenbild, das wir an Stelle Gottes verehren. Und wenn man auch Gott selbst verehrt, bleibt man doch, namentlich bezüglich der ersten Tafel Seines Gesetzes, in tiefen Irrtümern gefangen. Bei den Geboten der zweiten Tafel stimmt unser Urteil zwar mit den Vorschriften Gottes in Bezug auf die äußeren Taten überein, aber die Quelle aller Sünden, nämlich die böse Lust, bleibt uns verborgen. Übrigens ist zu beachten, dass Paulus hier nicht nur von der natürlichen Blindheit redet, die uns allen angeboren ist, sondern auch die tiefere Verblendung im Auge hat, womit Gott, wie wir sehen werden, die vorhergehenden Sünden bestraft. Soviel Verstand und Erkenntnis ist ja den Menschen noch geblieben, dass sie vor Gott keine Entschuldigung haben. Wenn sie sich aber selbst überlassen sind, so können sie nur irren, straucheln und anstoßen in allen ihren Entschlüssen und Taten. Daraus können wir auch abnehmen, dass vor Gott alle selbstgemachten Gottesdienste keinen Wert haben, weil sie ja aus diesem Abgrunde der Torheit und dem Wirrwarr der Unwissenheit erwacht sind.

Und sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, so in ihnen ist, durch die Blindheit ihres Herzens. – Das heißt, welches Gott Seinen Auserwählten durch den Geist der Erneuerung mitteilt. Ist doch das gemeine Leben, welches wir vermöge unserer menschlichen Existenz führen, nur ein blasses Schattenbild des wahren Lebens, nicht nur weil es schnell vorübergeht, sondern auch weil unsere Seele mitten im Leben tot ist, wenn sie nicht an Gott hängt. Überhaupt gibt es in dieser Welt drei Stufen des Lebens. Die erste Stufe ist das natürliche Leben, welches sich als Bewegung uns sinnliche Wahrnehmung äußert, und welches wir mit den Tieren gemeinsam haben. Die zweite Stufe ist das besondere menschliche Leben, durch das wir Kinder Abrahams sind. Die dritte Stufe ist das übernatürliche Leben, das allein die Gläubigen bekommen. Alle Arten des Lebens stammen von Gott. Die erste Stufe meint Paulus in seiner Rede zu Athen, wenn er sagt (Apostelgeschichte 17.28): In ihm leben, weben und sind wir. Ebenso ist diese Stufe gemeint in Psalm 104.30: Du lässest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen und erneuert die Gestalt der Erde. Von der zweiten Stufe handelt Hiob 10.12: Leben und Wohltat hast du mir angetan, und dein Aufsehen bewahrt meinen Odem. Im eigentlichen Sinn heißt jedoch nur das wiedergeborene Leben der Gläubigen ein Leben aus Gott: Denn Gott lebt erst dann wirklich in uns, und wir erfreuen uns Seines Lebens, wenn Er uns mit Seinem Geist regiert. Solches Leben spricht nun Paulus allen Sterblichen ab, die nicht in Christus neue Kreaturen geworden sind. Hier zeigt es sich, wie traurig unser Zustand ist, so lange wir im Fleische, dass heißt für uns selbst, und nicht für Gott leben. Und wir bekommen zugleich einen Maßstab in die Hand zur Beurteilung der gewöhnlichen menschlichen Moral. Wirkliche und wahrhaftige Tugenden können ja auf einem Boden, der nicht dem Herrn gehört, nicht erwachsen. Soll etwas Gutes in uns werden, so müssen wir zuerst durch Christi Gnade erneuert sein. Hier liegt der Anfang des wirklichen Lebens, welches erst seinen Namen verdient. Dass nun die Menschen sich so von Gott entfernen kam durch die Unwissenheit, so in ihnen ist. Denn wie die Erkenntnis Gottes das wahre Leben der Seele ist, so ist auf der anderen Seite die Unwissenheit der Tod. Und damit man diese Unwissenheit nicht für ein zufälliges, von außen eingedrungene Übel halte, wie etwa einmal ein Irrtum sich einschleicht, so lehr Paulus, dass ihre Wurzel in der Blindheit des Herzens ruht, womit er eben sagen will, dass sie in der Natur selbst begründet ist. Die Blindheit, welche den Menschengeist von Anbeginn umfängt, ist eine Strafe der Erbsünde; denn nach seinem Falle ward dem Adem das wahre Licht Gottes genommen, außer dessen Umkreis man sich in schrecklicher Finsternis bewegt.

Welche Stumpf sind. – War bisher von den angeborenen Fehlern der Menschennatur die Rede, so schreitet der Gedanke nunmehr zu dem äußeren Übel fort, welches der Mensch sich durch seine eigenen Taten schafft: Das sittliche Gefühl stumpft sich ab und das Gewissen verliert sein Empfindungsvermögen, so dass nun die Bahn für jegliche Nichtswürdigkeit offen steht. Unsere Natur ist verderbt und zum Bösen geneigt, ja völlig an das Böse gefesselt. Wird nun ein Mensch nicht mit Christi Geist begabt, so lässt er dieser Natur ihren zügellosen Lauf, und es kann nicht fehlen, dass er mit immer neuen Beleidigungen Gott zum Zorne reizt. Schlägt ihn nun Gott mit Gewissensbissen, so kümmert ein solcher Mensch sich nicht darum, sondern verhärtet sich wider alle Mahnungen. Solche Auflehnung verdient aber mit völliger Verwerfung gestraft zu werden. Deren Erkennungszeichen ist die Stumpfheit, von welcher Paulus hier redet, in welcher ein Mensch mit fortwährenden Sünden Gott beleidigt, wobei keine Furcht vor dem Gericht ihn anwandelt; in voller Sicherheit geht er seinen Weg, ohne Scheu geht er seinem Ergötzen und Wohlgefallen nach, womit er sich selbst betrügt; keine Scham stört ihn, er fragt auch nach keinem Anstand mehr. Kann man die Gewissensqualen, in welchen der Mensch die Schrecken des Gerichts erlebt, mit dem Vorhof der Hölle vergleichen, so ist dieser Zustand der Sicherheit und Gleichgültigkeit schon beim Höllenschlunde selbst angelangt. Wie auch Salomo sagt (Sprüche 18.3):  Wo der Gottlose hinkommt, da kommt Verachtung und Schmach mit Hohn. So kann denn der Apostel mit Recht ein schreckliches Beispiel göttlicher Rache darin sehen, wenn gottverlassene Menschen deren Gewissen abgestorben ist, deren Furcht vor dem göttlichen Gericht erloschen ist, deren sittliche Empfindung völlig stumpf geworden ist, sich wie besinnungslos mit viehischer Leidenschaft aller Schande preisgeben. Damit ist freilich nicht ein Bild der Menschheit im Allgemeinen gezeichnet, denn Gottes unermessliche Güte hält auch viele von den Verworfenen derartig fest, dass in der Welt nicht alles außer Rand und Band geht. So kommt es, dass sich nicht bei allen eine solche schamlose Begierde und eine so zügellose Leidenschaft zeigt. Es genügt, dass uns in mehrfachen Beispielen ein Spiegel vorgehalten wird, der uns von einem ähnlichen Wege abschreckt.

Unter Zügellosigkeit verstehe ich den schrankenlosen Mutwillen, mit welchem das Fleisch frei daher stürmt, wenn Gottes Geist es nicht zurückhält. Unreinigkeit ist alles schamlose Treiben, welchem viele sich mit Gier hingeben. Das Wort, welches wir mit Gier übersetzen kann sprachlich allerdings auch als Geiz verstanden werden. Aber in den Zusammenhang passt es viel besser, an die Unersättlichkeit der bösen Begierden zu denken, die jeder Mäßigung spotten.