Jakobus Kapitel 3 Teil IV

    Jakobus 3.13-18

    Wer ist weise und klug unter euch? Der erzeige mit seinem guten Wandel seine Werke in der Sanftmut und Weisheit. Habt ihr aber bitteren Neid und Zank in eurem Herzen, so rühmt euch nicht, und lügt nicht wider die Wahrheit. Das ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern irdisch, menschlich und teuflisch. Denn wo Neid und Zank ist, da ist Unordnung und eitel böses Ding. Die Weisheit aber von obenher ist aufs erste keusch, darnach friedsam, gelinde, lässt sich sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ohne Heuchelei. Die Frucht aber der Gerechtigkeit wird gesät im Frieden denen, die den Frieden halten.

    Wer ist weise und klug unter euch? Der erzeige mit seinem guten Wandel seine Werke in der Sanftmut und Weisheit. – Da die Schmähsucht in der Regel aus dem Hochmut entsteht, der Hochmut aber meistens die falsche Überzeugung der Weisheit erzeugt, so kommt die Rede jetzt auf die Weisheit. Die Gewohnheit der Heuchler ist es, sich zu erheben und zu prahlen, indem sie alle anderen beschuldigen. So suchten einst viele von den Philosophen Ruhm zu gewinnen durch erbitterte Verfolgung aller anderen Schulen. Dies stolze Gelüst, von dem die Schmähsüchtigen geschwollen und völlig verblendet sind, dämpft Jakobus: Die eingebildete Weisheit, in der sie sich gefallen, hat gar nichts Göttliches, behauptet er, ist vielmehr vom Teufel. Der Sinn ist also dieser: Jene strengen Zensoren, die mit sich selber sehr viel Nachsicht tragen, sonst aber niemand schonen, scheinen sich vor anderen weise, aber sie täuschen sich sehr. Ganz anders hat der Herr die Seinen gelehrt: Sie sollen sanftmütig und freundlich gegen andere sein. Weise vor Gott sind allein die, welche diese Sanftmut mit gutem Wandel verbinden. Denn die Harten und Unerbittlichen halten nicht die rechte Spur der Weisheit inne, wenn sie im Übrigen auch an vielen Tugenden reich sein sollten.

    Habt ihr aber bitteren Neid und Zank in eurem Herzen, so rühmt euch nicht, und lügt nicht wider die Wahrheit. – Die aus zu großer Strenge erwachsenden Früchte, die der Sanftmut entgegengesetzt sind, werden aufgezeigt. Es ist eine notwendige Entwicklung, dass das Übermaß an Strenge die bösen Regungen des Neides erzeugt, die bald ausbrechen und zum Zank führen. Wenn Jakobus vom Zank sagt, er sei im Herzen, so redet er freilich uneigentlich; das tut aber zum rechten Verständnis des Sinnes wenig oder gar nichts. Er wollte den Quell dieser bösen Übel aufweisen, das ist die böse Neigung des Herzens. Den Neid nennt er bitter, weil er nicht regiert, ohne mit dem Gift der Bosheit die Seelen anzustecken, so dass sie dann alles in Bitterkeit verwandeln. Jakobus weist uns also, damit wir in Wahrheit den Ruhm führen, Gottes Kinder zu sein, dazu an, friedlich und bescheiden mit den Brüdern umzugehen; andernfalls beurteilt er uns mit unserer Führung des Christennamens als Lügner. Übrigens gibt er nicht ohne Grund dem Neid den Zank zum Genossen, da ja aus Bosheit und Neid immer Krieg und Streit hervorgehen.

    Das ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern irdisch, menschlich und teuflisch. – Nur schwer sind die Heuchler zum Weichen zu bringen, darum tritt Jakobus ihrem stolzen Gelüst scharf entgegen und spricht der Weisheit, mit der sie geschwollen sind, während sie im Tadeln fremder Fehler sich allzu kritisch gebärden, den Charakter wahrer Weisheit überhaupt ab. Gibt er ihnen trotzdem zu, dass sie eine Art von Weisheit besitzen, so charakterisiert er sie doch genügend durch die Eigenschaftsworte irdisch, menschlich, teuflisch, während die wahre Weisheit himmlisch, geistlich, göttlich sein muss. Damit sind drei vollständige Gegensätze gezeichnet. Das eine setzt Jakobus als allseitig zugestanden voraus, dass wir nur dann weise sind, wenn wir vom Himmel herab, von Gott durch den Geist erleuchtet sind. Wohin also immer der Verstand des Menschen sich wenden mag, seine ganze Erkenntnis wird nur Eitelkeit sein, und nicht nur das: Ins Blendwerk des Satans verstrickt, wird sie endlich böser Wahn. Das Menschliche wird hier dem Geistlichen gegenübergestellt wie 1. Korinther 2.14, wo Paulus vom natürlichen Menschen sagt, er verstehe nicht, was Gottes sei. Tiefer konnte der menschliche Stolz nicht herabgesetzt werden als durch dies Urteil über alles, was er aus dem eigenen, natürlichen Wesen ohne Hilfe des Geistes Gottes besitzt, und durch diesen Übergang vom menschlichen Wesen zum Teufel. Das hier Gesagte bedeutet ja ebenso viel, wie wenn gesagt würde: Während die Menschen ihrem eigenen Sinn folgen, geraten sie bald in des Satans Betrug.

    Denn wo Neid und Zank ist, da ist Unordnung und eitel böses Ding. – Der Beweis wird durch Erinnerung an das Gegenteil geführt: Der Neid, der die Heuchler erregt, bringt Wirkungen hervor, die der Weisheit entgegengesetzt sind. Die Weisheit verlangt einen wohl beruhigten Gemütszustand, der Neid aber erregt das Gemüt, dass es mit sich selbst in Aufruhr gerät und gegen andere maßlos aufbraust. Andere wollen statt Unordnung „Unbeständigkeit“ übersetzen. Aber da es sich hier doch um Zerwürfnis und Aufruhr handelt, so scheint der Ausdruck „Unordnung“ passender. Jakobus hat etwas Schwereres als Unbeständigkeit ausdrücken wollen, nämlich dass ein boshafter und neidischer Widersacher alles verwirrt und verkehrt betreibt, gleich als ob er außer sich selber wäre. Deshalb fügt er auch hinzu: Und eitel böses Ding.

    Die Weisheit aber von obenher ist aufs erste keusch, darnach friedsam, gelinde, lässt sich sagen, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ohne Heuchelei. – Im Gegensatz zu diesen oben erwähnten Wirkungen werden nun die der himmlischen Weisheit aufgezählt. Zuerst heißt es, sie sei keusch, das heißt: Rein. Durch diese Kennzeichnung werden Heuchelei und Parteilichkeit ausgeschlossen. Dann wird sie friedsam genannt, um sie als aller Zänkerei fremd zu charakterisieren. Drittens heißt sie gelinde oder human: So sollen wir ihren weiten Abstand von unbilliger Strenge, die an den Brüdern nichts ertragen kann, erkennen. Sie lässt sich ferner sagen, ist nachgiebig, womit ihr Abscheu vor Stolz und Böswilligkeit gekennzeichnet wird. Endlich weist er darauf hin, dass sie voll Barmherzigkeit ist, während die Heuchler missgünstig und unerbittlich sind. Mit den guten Früchten werden allgemein alle Dienste bezeichnet, die wohlwollende Menschen für ihre Brüder aufwenden, mit einem Worte: Die himmlische Weisheit ist voll von Wohltaten. Es folgt noch die Charakteristik derer als Lügner, die sich ihrer finsteren Strenge rühmen. Obwohl Jakobus ja mit der Bezeichnung der Keuschheit oder Aufrichtigkeit schon deutlich genug alle Heuchelei verurteilt hatte, kommt er doch noch schließlich darauf zurück, um die Sache noch klarer zu machen. Uns dient das zur Einprägung der Erkenntnis, dass wir nur deswegen die übermäßige, finstere Strenge hegen, weil wir uns selbst viel zu sehr schonen und unseren eigenen Fehlern gegenüber die Augen schließen. Das mit „unparteiisch“ übersetzte Wort heißt wörtlich: „Ohne Unterschiede zu machen“. Dieser Gedanke scheint zunächst gänzlich unverständlich. Denn Gottes Geist hebt doch den Unterschied von gut und böse nicht auf, macht uns auch nicht so unverständig, dass wir, jeglichen Urteils bar, das Laster statt der Tugend lobten. Die Lösung des anscheinenden Widersinnes liegt darin, dass Jakobus mit dem Unterschied-machen die bei den Heuchlern bemerkbare Parteilichkeit meint, die mit engstem und peinlichstem Spürsinn die Reden und Taten der Brüder nur zu genau durchforscht, um dann alles als Schuld zu buchen.

    Die Frucht aber der Gerechtigkeit wird gesät im Frieden denen, die den Frieden halten. – Der Sinn kann ein doppelter sein, nämlich einmal, dass den Friedfertigen eine Frucht gesät wird, die sie hernach ernten, oder aber zweitens, dass sie nicht aufhören, den Samen der Gerechtigkeit auszusäen, wenn sie auch selber bescheiden genug sind, vieles im Verkehr mit dem Nächsten zu ertragen. In der Tat ist es eine verkürzte Ausdrucksweise. Die schmähsüchtigen Verkleinerer ihres Nächsten brauchen immer diesen Vorwand, dass sie sagen: Was, leisten wir mit unserer gefälligen Geduld nicht dem Bösen Vorschub? Dem hält Jakobus entgegen: Leute, die Gott mit wahrer Weisheit ausgerüstet hat, sind zwar billig, bescheiden, friedfertig, barmherzig, doch in solcher Weise, dass sie keineswegs das Böse verhehlen oder begünstigen, sondern sich vielmehr bemühen, es zu bessern, nur in Frieden, das heißt unter Anwendung von so viel Mäßigung, wie zur Bewahrung der Einigkeit nötig ist. Und das möchte Jakobus eben bezeugen, dass seine Äußerungen nicht im mindesten den Zweck verfolgen, freundwillige Mahnungen aus der Welt zu schaffen, aber wohl den, solche Leute, die für Ärzte der Sünde gehalten sein möchten, davor zu bewahren, dass sie Mörder werden. Man muss den kurz zusammengefassten Gedanken also folgendermaßen entwickeln: Die den Frieden halten, haben es sich trotzdem zur Aufgabe gemacht, Gerechtigkeit zu säen, sind auch keineswegs unfähig und träge in dem Betrieb und der Beförderung guter Werke. Aber sie haben ihren Eifer mit der Würze des Friedens gemildert, während die Heuchler mit ihrer blinden und stürmischen Wut alles verwirren und verderben.