Jakobus 3.1-5a
Liebe Brüder, unterwinde sich nicht jedermann, Lehrer zu sein, und wisset, dass wir desto mehr Urteil empfangen werden. Denn wir fehlen alle mannigfaltiglich. Wer aber auch in keinem Wort fehlt, der ist ein vollkommener Mann und kann auch den ganzen Leib im Zaum halten. Siehe, die Pferde halten wir in den Zäumen, dass sie uns gehorchen, und wir lenken ihren ganzen Leib. Siehe, die Schiffe, ob sie wohl groß sind von starken Winden getrieben werden, werden sie doch gelenkt mit einem kleinen Ruder, wo der hinwill, der es regiert. Also ist auch die Zunge ein klein Glied und richtet großes Dinge an.
Nicht jedermann Lehrer. – Die gewöhnliche und fast allgemein angenommene Erklärung dieser Stelle ist die, dass sie abschrecken soll von dem Streben nach dem Lehramt, und zwar aus dem Grunde, dass Verfehlungen in diesem Amte gefährlich und mit schwerer göttlicher Strafe bedroht sind. Man meint dann, der Ton liege darauf, dass nicht viele, nicht eine größere Anzahl das Lehramt erstreben sollen, da ja einige es notwendigerweise müssen. Ich aber verstehe unter den „Lehrern“ oder besser „Meistern“ nicht die öffentlichen Amtsträger der Gemeinde, sondern solche, die sich das Zensor-Amt über andere anmaßen. Solche Tadler wollen ja wie Meister geachtet werden. Es ist eine bei den Alten ganz gebräuchliche Redeweise, die strengen Tadler „Schulmeister“ zu nennen. Wenn dieses Verbot aber jedermann gelten soll, so geschieht es, weil allerorten viele sich in dieser Weise aufdrängen, denn das ist eine dem menschlichen Geiste gleichsam angeborene Krankheit, durch Tadel anderer sich Lob zuzuwenden. Ein doppelter Fehler herrscht in dieser Beziehung: Wenige verfügen über das nötige Geschick – alle ohne Unterschied bemächtigen sich des Meisteramtes. Und zweitens: Wenige werden vom rechten Eifer beseelt – was sie anspornt, ist mehr heuchlerischer Ehrgeiz als Sorge für das Heil des Bruders. Zu bemerken ist aber, dass Jakobus hier keineswegs abmahnt von der brüderlichen Erinnerung, die der Geist Gottes uns so oft und so sehr empfiehlt, sondern mit seinem Urteil jene maßlose, aus Ehrgeiz und Stolz geborene Begier trifft, in der jeder sich gegen die ihm zunächst Stehenden erhebt, tadelt, hechelt, stichelt und boshafterweise aufsucht, was er zum Schlechten wenden mag. Das ist ja gewöhnlich so, dass die frechen Zensoren dieser Art sich ganz unverschämt mit der Jagd nach den Fehlern anderer abgeben. Von derartiger unmaßlicher Unart will uns Jakobus wegrufen. Er fügt als Grund hinzu, dass die gegen andere so strengen Richter selber ein umso schwereres Urteil empfangen werden. Denn wer jedermanns Worte und Taten am strengsten Maße misst, der legt sich selbst ein hartes Gesetz auf, und wer sich entschließt, niemand zu scheuen, der verdient selbst auch keine Verzeihung. Es ist ein sorgsam zu beherzigender Satz, dass Leute, die gegen die Brüder zu hart sind, selbst Gottes Strenge gegen sich herausfordern.
Denn wir fehlen alle mannigfaltiglich. – Man kann diesen Satz als ein Zugeständnis fassen, wie wenn Jakobus sagen wollte: „Es sei, du findest an den Brüdern in der Tat Grund zu Beschuldigungen, denn niemand ist frei von Fehlern; ja, einzelne haben mit mehr als einem Fehler zu tun. Aber meinst du etwa, mit deiner bösen und giftigen Zunge vollkommen zu sein?“ Doch will mir viel eher scheinen, dass Jakobus mit seinem Wort uns eine Ermahnung zur Sanftmut geben möchte: Wir selbst sind auch mit viel Schwachheit bekleidet. Der handelt ungerecht, der die Verzeihung, deren er selbst bedarf, andern verweigert. So fügt ja auch Paulus seiner Anweisung, die Gefallenen milde und im Geist der Sanftmut zu erziehen, den Hinweis hinzu (Galater 6.1): Und siehe auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Nichts vermag ja mehr die Schärfe und Strenge zu zügeln als die Anerkennung der eigenen Schwäche.
Wer aber auch in keinem Wort fehlt, der ist ein vollkommener Mann und kann auch den ganzen Leib im Zaum halten. – Hat Jakobus klar gesagt, es gebe keinen, der nicht mannigfaltig fehle, so zeigt er nun, dass die Tadelsucht vor anderen Sünden hässlich ist. Denn sein Satz: Ein vollkommener Mann sei, wer auch in keinem Wort fehle, bezeichnet die Beherrschung der Zunge als eine vorzügliche Tugend, als eine der hervorragenden. Darum handeln die in der Tat besonders schlecht und verderbt, die mit scharfer Herausstellung jedes kleinsten Fehlers anderer ein Sich-gehen-lassen in einem so augenfälligen, eigenen Fehler verbinden. Mit großer Gewandtheit geißelt Jakobus hier die Heuchelei der Tadler, dass sie bei ihrer peinlichen Prüfung die Hauptsache und das Wichtigste außeracht lassen, nämlich die Lästersucht. Wer andere mit Rutenstreichen bedenkt, macht doch Anspruch auf vollkommene Heiligkeit. Aber bei ihrer eigenen Zunge sollten sie anfangen, wenn sie vollkommen sein wollen. Da sie aber gar nicht daran denken, ihre Zunge im Zaum zu halten, ja mit ihrem hechelnden und beißenden Wort ihre verlogene Heiligkeit ausbieten, so ist es offenbar, dass sie selbst am meisten Tadel verdienen, sintemal sie der ersten Tugend vergessen. Diese Gedankenverbindung macht uns die Meinung des Apostels ganz klar.
Siehe, die Pferde halten wir in den Zäumen, dass sie uns gehorchen, und wir lenken ihren ganzen Leib. Siehe, die Schiffe, ob sie wohl groß sind von starken Winden getrieben werden, werden sie doch gelenkt mit einem kleinen Ruder, wo der hinwill, der es regiert. Also ist auch die Zunge ein klein Glied und richtet großes Dinge an. – Mit diesen zwei Gleichnissen wird die große Wichtigkeit bewiesen, die der Zunge für die Vollkommenheit zukommt: Sie hat die Herrschaft im ganzen Leben inne, wie Jakobus soeben sagte. Zuerst vergleicht er nun die Zunge mit dem Zügel, dann mit dem Steuerruder der Schiffe. Wenn ein so temperamentvolles Tier wie das Pferd nach des Reiters Willkür zu lenken ist, weil es den Zaum trägt, so wird die Zunge bei der Lenkung des Menschen nicht weniger vermögen. Dasselbe gilt vom Steuerruder des Schiffes, das die ganze Masse zugleich mit der Kraft des Windes beherrscht. Wie klein die Zunge als Glied auch sein mag, so bedeutet sie also doch für die Aufgabe der Selbstbeherrschung des Menschen das meiste. Wenn wir übersetzen (Vers 5): Die Zunge „richtet große Dinge an“, so bedeutet das hier stehende, griechische Wort eigentlich: Sich ins Licht stellen, sich ausbieten. Aber Jakobus will hier ja doch nicht so sehr das zur Schau getragene Gebaren betonen, als vielmehr den Gedanken zur Aussage bringen: Die Zunge sei eine Ursache großer Wirkungen. Denn dieser letzte Satz wendet die eben angegebenen Gleichniszüge auf den vorliegenden Fall an. Zum Gleichnis der Zügel- und der Steuerruderwirkung passt kein leeres „sich zur Schau tragen“. Hier muss das Wort also bedeuten, dass der Zunge eine große Kraft innewohne.