Jakobus Kapitel 2 Teil VII

    Jakobus 2.20-26

    Willst du aber erkennen, du eitler Mensch, dass der Glaube ohne Werke tot sei? Ist nicht Abraham, unser Vater, durch die Werke gerecht geworden, da er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? Da siehst du, dass der Glaube mitgewirkt hat an seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden; und ist die Schrift erfüllt, die da spricht: „Abraham hat Gott geglaubt, und ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“, und ist ein Freund Gottes geheißen. So sehet ihr nun, dass der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein. Desselbigengleichen die Hure Rahab, ist sie nicht durch die Werke gerecht geworden, da sie die Boten aufnahm und ließ sie einen anderen Weg hinaus? Denn gleichwie der Leib ohne den Geist tot ist, also auch der Glaube ohne Werke ist tot.  

    Willst du aber erkennen, du eitler Mensch, dass der Glaube ohne Werke tot sei? – Hier muss man die Fragestellung fest im Auge behalten. Hier ist nämlich nicht eine Auseinandersetzung über die Ursache der Rechtfertigung, sondern nur darüber, was das Erkennen des Glaubens ohne begleitende Werke vermöge, und wie es zu werten sei. Die handeln also verkehrt, die sich darauf steifen, dass dieses Wort die Rechtfertigung aus den Werken belege: Nichts derart hat Jakobus im Auge! Seine Beweisgründe sind nur darauf angelegt, dass kein Glaube – höchstens aber ein toter – ohne Werke ist. Niemand und nirgendwo wird das rechte Verständnis und Urteil über einen Abschnitt möglich sein, wenn man sich nicht die eigentliche Absicht des Schriftstellers klarmacht.

    Ist nicht Abraham, unser Vater, durch die Werke gerecht geworden, da er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? – Oberflächliche Erklärer greifen das Wort „gerecht werden“ hier auf und machen dann einen Siegeslärm, es sei hier die Gerechtigkeit in die Werke gelegt – und doch muss eine gesunde Auslegung aus dem ganzen Zusammenhang gesucht werden. Wir haben schon gesagt, dass Jakobus hier gar nicht davon handelt, woher und auf welche Weise die Menschen Gerechtigkeit erlangen – und das ist doch jedermann ganz klar – sondern dass er nur die ständige Verbindung der guten Werke mit dem Glauben im Auge hat. Wenn er also bekennt, dass Abraham durch Glauben [Wenn Calvin das wirklich hat sagen wollen, so müsste auf Vers 23 verwiesen werden. Sollte nicht aber ein Schreib- oder Druckfehler unterlaufen sein? Zu erwarten wäre jedenfalls statt „durch Glauben“: „durch Werke“.] gerecht geworden sei, so spricht er vom Beweis der Gerechtigkeit. Wer daher den Jakobus dem Paulus entgegensetzt, der benutzt den Doppelsinn des Wortes Rechtfertigung zu grundlosem Geschwätz. Denn wenn Paulus die Rechtfertigung aus dem Glauben lehrt, so bezeichnet er damit nichts anderes, als dass wir dahin kommen, vor Gott gerecht geachtet zu werden. Jakobus aber hat etwas gänzlich anderes im Auge; nämlich dass der, welcher sich als gläubig bekennt, seines Glaubens Wahrheit durch Werke beweisen möge. Sicherlich hat Jakobus hier nicht lehren wollen, wo die Heilsgewissheit ihren Ruhepunkt suchen muss, was doch das einzige Interesse des Paulus in der Rechtfertigungslehre ist. Um also nicht in den Widerspruch zu verfallen, der jene oberflächlichen Leute täuscht, muss man sich den zwiefachen Sinn für das Wort Rechtfertigung merken, dass sie für Paulus besteht in der geschenkweisen Zuerkennung der Gerechtigkeit vor Gottes Richterstuhl, für Jakobus aber in dem Erweis der Gerechtigkeit aus ihren Wirkungen, und zwar für das Urteil der Menschen, wie man aus den vorhergehenden Worten schließen kann: Zeige mir deinen Glauben usw. In diesem Sinne gestehen wir, dass der Mensch ohne Zweifel aus den Werken gerechtfertigt werde, derart, wie man etwa von einem Menschen sagt, er sei durch den Kauf eines großen und wertvollen Landguts reich geworden, weil seine vorher im verschlossenen Schrein verborgenen Reichtümer nun bekannt wurden. Wenn Jakobus nun sagt, dass der Glaube mitgewirkt hat an seinen Werken und aus jenen vollkommen geworden sei, so zeigt er von neuem, dass hier nicht die Ursache unseres Heils den Gegenstand der Frage bildet, sondern dies: Ob Werke notwendigerweise den Glauben begleiten. Denn in diesem Sinne heißt es ja, er habe mitgewirkt an den Werken, weil er eben nicht müßig war. Aus den Werken vollkommen geworden heißt er nicht daher, dass er von dorther seine Vollkommenheit empfinge, sondern deshalb, weil er von daher den Beweis seiner Wahrheit erhält. Denn die faule Unterscheidung eines ausgebildeten und unausgebildeten Glaubens, die sophistischer Weise aus dieser Stelle abgeleitet wird, bedarf keiner langen Widerlegung. Ausgebildet und fertig war Abrahams Glaube vor der Opferung seines Sohnes. Die war nicht etwa nötig als letzte Hand, weil ja doch noch viele Ereignisse daraufgefolgt sind, in denen Abraham seines Glaubens Wachstum gezeigt hat. Also war dieses Werk weder die Vollendung seines Glaubens noch auch die erste Ausbildung seines Glaubens. Jakobus will lediglich sagen, dass Abrahams gesunde, innere Stellung völlig klar ersichtlich wurde, weil er jene vorzügliche Frucht seines Gehorsams hervorbrachte.

    Und ist die Schrift erfüllt, die da spricht: „Abraham hat Gott geglaubt, und ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“, und ist ein Freund Gottes geheißen. So sehet ihr nun, dass der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein. – Wer mit dem Zeugnis des Jakobus beweisen will, dass Abrahams Werke zur Gerechtigkeit angerechnet sind, der muss notwendigerweise gestehen, dass die Schrift von ihm böse verdreht werde. Denn wie sehr man sich auch drehe, kann man doch niemals machen, dass die Wirkung eher sei als die Ursache. Angezogen wird 1. Mose 15.6. Die Anrechnung zur Gerechtigkeit, der dort gedacht wird, ging um mehr als 30 Jahre jenem Werke, durch das man ihn gerechtfertigt sein lässt, voraus. Wenn 15 Jahre vor Isaaks Geburt der Glaube dem Abraham zur Gerechtigkeit angerechnet worden war, so kann diese Anrechnung sicherlich nicht erst durch Isaaks Opferung geschehen sein. In einen unlöslichen Knoten dürften sich die Ausleger verstricken, die Abrahams Gerechtigkeit vor Gott zugerechnet sein lassen infolge der Opferung seines Sohnes Isaak, der noch nicht geboren war, als der Heilige Geist schon verkündete, Abraham sei gerecht. Notwendigerweise bleibt nur über, dass wir irgendetwas Späteres gemeint sein lassen. Auf welche Weise soll denn die Erfüllung nach Jakobus stattfinden? Er will ja eben zeigen, welcher Art jener Glaube gewesen ist, der den Abraham gerechtfertigt hat, nicht in müßiger und eitler, sondern ein solcher, der ihn Gott gehorsam machte, wie er auch Hebräer 11.8 aufgefasst wird. Die gleich hinzugefügte, aus unserem Satz abgeleitete Folgerung hat ebenfalls keinen anderen Sinn (Vers 24): Der Mensch wird nicht durch den bloßen Glauben gerechtfertigt, das heißt durch eine nackte und leere Kenntnis Gottes; gerechtfertigt wird er durch Werke, das heißt aus den Früchten wird seine Gerechtigkeit erkannt und als gültig erwiesen.

    Desselbigengleichen die Hure Rahab, ist sie nicht durch die Werke gerecht geworden, da sie die Boten aufnahm und ließ sie einen anderen Weg hinaus? Denn gleichwie der Leib ohne den Geist tot ist, also auch der Glaube ohne Werke ist tot. – Wer so Ungleiches zusammenkoppelt, scheint töricht zu handeln. Warum hat Jakobus denn nicht aus der großen Zahl der viel ansehnlicheren Väter einige ausgewählt, um sie Abraham hinzuzugesellen? Warum zog er ihnen allen die Hure vor? Wohlbedachter Weise hat er zwei so unterschiedliche Personen miteinander verbunden, um den Beweis desto schlagender zu machen, dass kein einziger, welcher Lage, welchem Volke oder Stande er angehören mochte, jemals ohne gute Werke zu den Gerechten oder Gläubigen gezählt worden sei. Er hat den vor allen anderen ausgezeichneten Erzvater genannt; nun fasst er unter dem Beispiel der Hure alle zusammen, die der Gottesgemeinde fernstanden und ihr nun einverleibt werden. Also: Wer immer als gerecht beurteilt werden will – wenn auch nur, um unter den Letzten noch ein Plätzchen zu finden – der muss mit guten Werken sich als gerecht erweisen. Die spitzfindigen Rechthaber wollen aus der Tatsache, dass Jakobus nach seiner Weise die Rahab aus Werken gerechtfertigt nennt, den Schluss ziehen, dass man durch Verdienst der Werke Gerechtigkeit erlange. Wir behaupten dagegen, dass hier überhaupt über den Weg, auf dem man Gerechtigkeit erlangt, gar nicht verhandelt werde. Wir gestehen wohl zu, dass in der Tat zur Gerechtigkeit gute Werke verlangt werden; aber wir sprechen ihnen die Kraft ab, Gerechtigkeit zu bringen, weil sie doch vor Gottes Urteil nicht bestehen können.