Jakobus 2.18-19
Aber es möchte jemand sagen: Du hast den Glauben, und ich habe die Werke; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken. Du glaubst, dass ein einiger Gott ist: Du tust wohl daran; die Teufel glauben’s auch und zittern.
Aber es möchte jemand sagen: Du hast den Glauben, und ich habe die Werke. – Eine Auslegung sieht hier zwei Menschen miteinander Zwiesprache pflegen, von denen der eine eines Glaubens ohne Werke sich rühmt, der andere der Werke ohne Glauben – und lässt endlich beide von der auf der Mitte sich haltenden Antwort des Apostels widerlegt werden. Diese Auslegung scheint mir zu gezwungen. Sie hält es für undenkbar, dass Jakobus das sagen sollte: Du hast den Glauben, er der doch keinen Glauben ohne Werke anerkennt. Aber darin irrt sie sich sehr, dass sie die Ironie in diesen Worten nicht anerkennt. Deswegen möchte ich den Vers wohl als eine Herausforderung an jemanden fassen, um die törichte Prahlerei derer zu widerlegen, welche den Besitz des Glaubens sich einbilden, während sie durch den tatsächlichen Bestand ihres Lebens ihren Unglauben verraten. Denn Jakobus sagt, allen heilig lebenden Frommen sei genug zur Hand, um solche Prahlerei den Heuchlern auszutreiben.
Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke. – Wenn auch in den griechischen Handschriften die Lesart „aus den Werken“ ziemlich verbreitet ist, so passt die lateinische „ohne die Werke“, die auch in manchen griechischen Abschriften gelesen wird, doch besser. So habe ich sie auch ohne Bedenken vorgezogen. Wenn nun Jakobus den Glauben ohne die Werke zu zeigen befiehlt, so rechnet er mit der Unmöglichkeit, um darzutun, dass da kein Glaube vorhanden sein kann. Seine Redeweise ist also ironisch. Wenn aber einer doch lieber der anderen Lesart folgen will, so kommt er doch auf das Gleiche hinaus: Zeige mir den Glauben aus den Werken, da er doch, wenn er nicht ein untätiges Ding ist, sich notwendigerweise in Werken beweisen muss. Der Sinn ist also: Kannst du keine Früchte deines Glaubens beibringen, so spreche ich ihn dir ab. Freilich kann man fragen, ob denn eine äußerlich gute Lebensführung ein gewisser Beweis des Glaubens sei. Jakobus sagt ja: Ich will dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen. Ich antworte auf die Frage: Auch die Ungläubigen glänzen manchmal durch scheinbare Tugenden und führen ein ehrenhaftes Leben ohne jeden Vorwurf; es können also anscheinend vorzügliche Werke doch vom Glauben getrennt sein. Aber Jakobus behauptet auch gar nicht, dass jeder Glauben habe, der ehrbar erscheint. Nur das ist seine Behauptung: Ohne das Zeugnis der guten Werke wird der Besitz des Glaubens vergeblich in Anspruch genommen, weil aus einem guten Baum, wenn die Wurzel lebendig ist, stets gute Früchte hervorgehen müssen.
Du glaubst, dass ein einiger Gott ist. – Dieses eine Wort macht es mehr als deutlich, dass diese ganze Verhandlung nicht eigentlich den Glauben zum Gegenstand hat, sondern die gewöhnliche Erkenntnis von Gott, welche den Menschen ebenso wenig mit Gott in Gemeinschaft bringt, als ihn der Anblick der Sonne zum Himmel erhebt. Der Glaube aber bringt uns an Gott heran, das ist gewiss. Außerdem ist es ja zum Lachen, wenn einer von Teufeln sagt, sie hätten Glauben. Aber sie zieht Jakobus, was diesen Punkt angeht, noch den Heuchlern vor. Es zittern die Teufel, sagt er, bei der Erwähnung Gottes; wenn sie ihren Richter erkennen, werden sie natürlich mit Furcht vor Ihm erfüllt. Wer Gott kennt und verachtet Ihn, der steht deshalb noch unter dem Teufel. Das Du tust wohl daran steht hier in geringschätzigem Sinne, etwa wie: Das ist natürlich etwas Bedeutendes, unter den Teufeln sitzen!