Jakobus Kapitel 2 Teil V

    Jakobus 2.14-17

    Was hilft’s liebe Brüder, so jemand sagt, er habe den Glauben und hat doch die Werke nicht? Kann auch der Glaube ihn selig machen? So aber ein Bruder oder eine Schwester bloß wäre und Mangel hätte der täglichen Nahrung, und jemand unter euch spräche zu ihnen: Gott berate euch, wärmet euch und sättigt euch; gäbet ihnen aber nicht, was des Leibes Notdurft ist: Was hülfe sie das? Also auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist tot an ihm selber.   

    Was hilft’s liebe Brüder, so jemand sagt, er habe den Glauben und hat doch die Werke nicht? – Die Empfehlung der Barmherzigkeit ist immer noch der leitende Gesichtspunkt. Gegen die Drohung, Gott werde die Unfreundlichkeit und Unbarmherzigkeit gegen den Nächsten mit strengem und grausigem Gericht vergelten, gebrauchen Heuchler die Ausflucht, der Glaube, in dem ja das Heil des Menschen liege, sei genugsam. Gegen diese eitle Phrase richtet sich jetzt der Angriff. Das Ziel der Erörterung ist also: Der Glaube ohne die Liebe nützt nichts, ist völlig tot. Aber nun erhebt sich die Frage, ob denn der Glaube von der Liebe getrennt werden könne. Und wirklich hat ja eine verkehrte Auslegung dieser Stelle jene oberflächliche Unterscheidung eines unausgebildeten und ausgebildeten Glaubens hervorgebracht. Aber auch nicht die Spur eines derartigen Gedankens hat Jakobus gehegt, denn aus den ersten Worten steht es fest, dass er von einem heuchlerischen Bekenntnis spricht. Er beginnt doch nicht: „So jemand den Glauben hat“, sondern: „So jemand sagt, er habe den Glauben“. Damit weist er doch deutlich darauf hin, dass die Heuchler mit dem leeren Begriff des Glaubens protzen, der in der Tat ihnen nicht im Geringsten zukommt. Wenn er hier also im Sinne seiner Gegner den Begriff des Glaubens handhabt, so ist das eine Konzession, ein Zugeständnis, das er ihnen nur zum Zwecke der logischen Auseinandersetzung macht. Wofern wir nur auf der Sache bestehen bleiben, können wir ohne Schaden, ja vielleicht zum Vorteil der Sache, dem Gegner eine gewünschte Begriffsbestimmung zugestehen, weil ja bald infolge gründlicher Auseinandersetzung der Sache auch der Begriff ihm ohne Schwierigkeit geraubt werden wird. Vollauf imstande, den falschen Vorwand der Heuchler zu widerlegen, wollte Jakobus den Streit über des Wortes Begriff beiseitelassen. Halten wir uns also doch im Gedächtnis, dass er nicht von seinem eigentlichen Standpunkt aus redet, wenn er hier den Begriff des Glaubens gebraucht, sondern im Kampf mit solchen, die den Glauben, dessen sie gänzlich entbehren, fälschlicherweise zu haben behaupten.

    Kann auch der Glaube ihn selig machen? – Das ist ebenso, als wenn es hieße: Die bloße, kalte Erkenntnis Gottes bringe uns nicht im Geringsten das Heil, was ja alle als gewiss zugeben. Denn darum wird uns das Heil aus dem Glauben zuteil, weil derselbe uns mit Gott verbindet. Das geschieht aber nicht anders, als wenn wir in den Leib Christi eingepflanzt werden, so dass wir aus Seinem Geiste die Lebenskräfte ziehen und dadurch auch von Ihm regiert werden. In jenem toten Schatten des Glaubens gibt es etwas Derartiges freilich nicht; daher ist es kein Wunder, wenn Jakobus ihm die Heilskraft abspricht.

    So aber ein Bruder oder eine Schwester bloß wäre und Mangel hätte der täglichen Nahrung, und jemand unter euch spräche zu ihnen: Gott berate euch, wärmet euch und sättigt euch; gäbet ihnen aber nicht, was des Leibes Notdurft ist: Was hülfe sie das? – Dies Beispiel ist dem Kreise entnommen, in welchem sich der Gedanke jetzt bewegt. Die Mahnung geht, wie gesagt, auf die Pflicht der Liebe. Wenn nun einer dagegen sich rühmt, er sei mit dem Glauben ohne Werke zufrieden, so vergleicht Jakobus diesen schattenhaften Glauben mit dem Gerede eines Menschen, der einen Hungrigen sich sättigen heißt, ohne ihm die Speise, deren er begehrt, zu reichen. Wie also der den Armen zum Narren hat, der ihm mit bloßen Worten hilft, aber keine tatsächliche Hilfe schafft, so spotten die Gottes, die sich einen Begriff des Lebens zurecht machen, der alles Werkes und jeder frommen Pflichterfüllung bar ist.

    Tot an ihm selber. – So nennt Jakobus den Glauben, welcher der guten Werke ledig ist. Daraus folgt für uns, dass er eigentlich auch kein Glaube ist; als etwas Totes kann er ja auch nicht den Namen behalten. Das ist törichte Spitzfindigkeit, darauf zu bestehen, dass hier doch immer noch ein gewisser Glaube vorausgesetzt werde. Aber ohne Mühe wird eine derartige gottlose Sophisterei widerlegt, da es doch klar genug ist, dass der Apostel einen unmöglichen Fall setzen will, wie Paulus (Galater 1.8) den Engel verflucht, der es wagen würde, das Evangelium zu fälschen.