Jakobus 1.19-21
Darum, liebe Brüder, ein jeglicher Mensch sei schnell zu hören, langsam aber zu reden, und langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Darum so leget ab alle Unsauberkeit und überschäumende Bosheit, und nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist, welches kann eure Seelen selig machen.
Darum, liebe Brüder, ein jeglicher Mensch sei schnell zu hören. – Wenn das hier ein ganz allgemeiner Ausspruch sein sollte, so möchte der Zusammenhang einigermaßen weitläufig sein. Aber Jakobus spricht alsbald wieder, wie kurz zuvor, vom Wort der Wahrheit (21 vergleiche 18). So ist die vorliegende Ermahnung zweifellos auch in diesen besonderen Zusammenhang eingefügt. Auf Grund der ins Licht gesetzten Güte Gottes mahnt uns der Satz zur rechten Bereitschaft für die Aufnahme jener unvergleichlichen, uns erwiesenen Wohltat. Das ist eine sehr nützliche Erinnerung. Denn die geistliche Zeugung ist nicht etwa das Werk eines Augenblicks. Da immer einige Reste des alten Menschen übrigbleiben, so ist Beharrlichkeit in der Neubildung nötig, bis dass das Fleisch abgetan ist. Unser ungezügelter Sinn, unsere Anmaßung, unsere Schlaffheit hindern Gott stark an der Vollendung Seines Werkes in uns. Wenn Jakobus also will, wir sollen schnell zum Hören sein, so will er uns entschlossene Bereitschaft empfehlen, als wenn er sagen wollte: Wenn Gott sich euch so freigebig darbietet, so gebt auch ihr euch mit aller Willigkeit Ihm hin, damit eure Trägheit Ihm doch nicht Verzug bereite! Nun ertragen wir es ja aber in unserer viel zu guten Meinung von unserer eigenen Weisheit gar nicht, ruhig der Rede Gottes zuzuhören, sondern brechen mit unserer Ungeduld Seine Rede ab. Daher befiehlt uns der Apostel, zu schweigen. Und sicherlich wird keiner ein guter Schüler Gottes sein, der nicht schweigend Ihm zuhört. Indessen gebietet Er nicht das Schweigen der Pythagoreer: Es soll kein Unrecht sein, zu fragen, so oft wir wissenswerte Dinge zu lernen begehren, sondern Er will nur unseren Vorwitz in Schranken halten, damit wir nicht, wie so oft, unbescheidener Weise Gott stören und hindern, und damit wir, solange Er Seinen heiligen Mund geöffnet hat, auch Herz und Ohren Ihm öffnen und nicht selbst das Wort für uns in Beschlag nehmen.
Langsam zum Zorn. – Der Zorn wird, glaube ich, ebenfalls verdammt, insofern er das Hören, das Gott für sich fordert, durch seine Erregung gänzlich stört und hindert. Gottes Stimme kann ja nicht anders als mit ganz stillem Gemüt vernommen werden. Deswegen fügt Jakobus hinzu, solange der Zorn das Zepter habe, sei kein Platz für die Gerechtigkeit, die Gottes Willen tut. Überhaupt werden wir dieses maßvolle, stille Wesen niemals Gott darbringen, wenn nicht der Eifer der Leidenschaft von uns weicht.
Darum so leget ab alle Unsauberkeit und überschäumende Bosheit, und nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist. – Nunmehr zieht Jakobus den Schluss, in welcher Weise das Lebensbrot angenommen werden müsse. Zuerst verneint er eine richtige Aufnahme dann, wenn es nicht gepflanzt wird und Wurzel in uns schlägt. Denn diese Redeweise nehmt das Wort an, das in euch gepflanzt ist, muss man etwa so auflösen: Nehmt es so auf, dass es wahrhaft gepflanzt werde. Auf den Samen wird angespielt, der oft an eine trockene Stelle fällt und nicht vom feuchten Schoß der Erde aufgenommen wird, oder auf Pfropfreiser, die, auf die Erde geworfen oder auf totes Holz gepfropft, verdorren. Es muss also ein lebendiges Einpfropfen geschehen, ein Verwachsen mit unserem Herzen. Auch auf diese Weise der Aufnahme folgt ein Hinweis: Mit Sanftmut. Damit ist die Bescheidenheit und Geneigtheit zum Lernen bezeichnet, die Jesaja (57.15) beschreibt: Auf wem anders wird Gottes Geist ruhen als auf dem Demütigen und Stillen? Daher kommt es, dass so wenige in Gottes Schule vorankommen, weil von hundert kaum einer seinen trotzigen Eigenwillen ablegt, um sich Gott willig zu unterwerfen, sondern aufgeblasen und widerspenstig kommen sie fast alle heran. Wir aber, falls wir wirklich eine lebendige Pflanzung Gottes sein möchten, wollen uns Mühe geben, uns demütig unter sein Joch zu beugen, um uns wie die Schafe von unserm Hirten leiten zu lassen. Weil aber die Menschen sich zu Frieden und Sanftmut erst zähmen lassen, wenn sie von ihren bösen Herzenstrieben gereinigt sind, heißt uns Jakobus alle Unsauberkeit und überschäumende Bosheit ablegen. Den vom Ackerbau entlehnten Bildern entsprechend, war es hier an der Zeit, vom Ausjäten des Unkrauts zu reden. Da aber der Apostel alle anredet, wollen wir uns merken, dass diese bösen Dinge unserer Natur angeboren sind und in uns allen festsitzen. Ja, er wendet sich an Gläubige, zeigt also, dass er uns niemals in diesem Leben bis ins Innerste von diesen Dingen gereinigt glaubt, vielmehr wieder und wieder sie in uns aufsprießen sieht. Deswegen fordert er anhaltendes, sorgsames Ausrotten. Da Gottes Wort etwas Heiliges ist, ziemt es uns zuerst, allen befleckenden Unflat abzutun. Der Name „Bosheit“ begreift ebenso Heuchelei und Widerspenstigkeit, wie die Gesamtheit der verkehrten Begierden in sich. Es genügt dem Apostel auch nicht, auf den innerlichen Sitz der Bosheit den Finger zu legen. Er zeigt auch, wie sie in solcher Fülle da thront, dass sie heraustritt, oder gleichsam zum Überschwall sich erhebt. Und sicherlich wird, wer sich selbst genau untersucht, ein ungeheures Chaos des Bösen in sich finden.
Welches kann eure Seelen selig machen. – Herrliches Lob der himmlischen Lehre, dass wir durch sie gewisses Heil erlangen! Es ist hinzugefügt, damit wir lernen, dies Wort als einen unvergleichlichen Schatz erstreben, lieben und preisen. Die Bezeichnung des Wortes, dem wir so nachlässig unser Ohr zu gewähren pflegen, als der Ursache unserer Seligkeit, ist ein scharfer Stachel zur Züchtigung unserer energielosen Trägheit. Doch wird dem Worte nicht in dem Sinne die Kraft der Bewahrung zugeschrieben, als wenn das Heil im äußeren Klang der Laute eingeschlossen wäre, oder als ob das Werk der Bewahrung Gott abgenommen und auf etwas anderes übertragen werden sollte. Jakobus spricht von dem Wort, das durch den Glauben ins menschliche Herz eindringt, und will nur sagen, der Urheber der Seligkeit, bringe sie durch Sein Evangelium zustande.