Jakobus 5.13-15
Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.
Ist jemand krank, der rufe zu sich die Ältesten von der Gemeinde, und lasse sie über sich beten und salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und so er hat Sünden getan, werden sie ihm vergeben sein.
Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. – Der Verfasser will sagen, es gebe überhaupt keine Zeitlage, in der Gott uns nicht zu sich einlade. Denn die Trübsale sollen uns zum Bitten antreiben, die glücklichen Ereignisse den Anlass zum Lob Gottes uns geben. Aber die Verderbnis der Menschen ist derart, dass sie sich nicht freuen können, ohne Gottes zu vergessen, in Trauer versetzt, aber alle Fassung verlieren und von Verzweiflung beherrscht werden. Darum ist es nötig, Maß zu halten, so dass die Freude, sie sonst Gott zu vergessen veranlasst, uns zum Ruhm der Güte Gottes anregt, die Traurigkeit aber uns beten lehrt. Denn das „Psalmensingen“ wird jener unheiligen und zügellosen Fröhlichkeit entgegengesetzt, in welcher diejenigen jauchzen, die sich durch das Glück nicht zu Gott leiten lassen, wie es billig wäre.
Ist jemand krank. – Weil damals die Gabe der Krankenheilung noch kräftig war, ergeht die Anweisung, dass die Kranken zu diesem Mittel ihre Zuflucht nehmen. Sicherlich wurden übrigens nicht alle geheilt, sondern Gott ließ diese Gnade geschehen, so oft und so weit Er wusste, dass sie angebracht war. Es ist auch keineswegs wahrscheinlich, dass das Öl unterschiedslos angewandt wurde, sondern nur da, wo gewisse Hoffnung des Gelingens war. Zugleich mit der Kraft wurde den Dienern nämlich die Unterscheidungsgabe geschenkt, damit sie nicht durch Missbrauch das Heilmittel gemein machen möchten. Jakobus hatte keine andere Absicht, als die den Gläubigen damals zu Gebote stehende Gnade zu empfehlen, um ihren Segen nicht durch Leichtsinn oder Verachtung untergehen zu lassen. Zu dem Zweck heißt er sie die Ältesten holen. Man darf aber nicht etwa glauben, dass der Nutzen der Salbung sich weiter erstreckt habe, als der Heilige Geist wirken wollte. Die Papisten streichen diese Stelle mächtig heraus um der Empfehlung ihrer letzten Ölung willen. Eine Auseinandersetzung über den Abstand dieses Missbrauchs von der Einrichtung, auf die Jakobus hier anspielt, unterlasse ich jetzt. Man mag das auch meinem „Christlichen Unterricht“ (IV.13.5) lernen. Nur das sei ausgesprochen: Unwissenheit und Verkehrtheit misshandeln diese Stelle, um die letzte Ölung zu einem zum bleibenden Gebrauch in der Kirche bestimmten Sakrament zu machen. Ich gestehe zwar zu, dass die Jünger Christi die Sache als Sakrament genommen haben – und ich stimme denen nicht zu, die hier nur ein leibliches Heilmittel annehmen – aber ich sage, es sei nur ein für eine gewisse Zeit bestimmtes Symbol gewesen, dementsprechend, dass die wahre Wirkung dieses Zeichens nur eine Zeitlang sich geltend machte. Und das ist ja ganz klar: Es gibt keine größere Torheit, als das ein Sakrament zu nennen, was leer ist und uns die bezeichnete Sache gar nicht einträgt. Anderseits muss man zugestehen, dass die Gabe der Heilung nur eine beschränkte Dauer gehabt hat; also durfte das Zeichen dafür auch nicht ewig sein. Folglich sind die nicht Nachfolger, sondern nur Affen der Apostel, die heute noch die Salbung zu den Sakramenten tun, ohne doch zugleich die Wirkung wiederherzustellen, die Gott vor mehr als anderthalb Jahrtausenden schon der Welt raubte. Für uns ist also nicht das die Streitfrage, ob die Salbung jemals ein Sakrament gewesen ist, sondern ob sie uns zu dem Zweck gegeben ist, dass sie noch heute geübt werde. Aus der Tatsache, dass die mit jenem Symbol bezeichnete Wirkung aufgehört hat, ziehen wir den logischen Schluss, dass jene Streitfrage verneint werden muss.
Die Ältesten von der Gemeinde. – Ich verstehe darunter im Allgemeinen alle, die der Gemeinde vorstehen. Denn nicht allein die Prediger wurden Älteste genannt, sondern auch die Sittenrichter, die zur Aufrechterhaltung der Zucht aus dem Volke gewählt wurden. Denn eine jede Gemeinde hatte ihren eigenen Rat, einen Senat gleichsam, erwählt aus den ehrwürdigen Männern von erprobtem Charakter. Weil es nun Sitte war, vorwiegend Leute zu wählen, die mit hervorragenden Gnadengaben ausgerüstet waren, so ordnet Jakobus an, man solle die Ältesten herbeiholen, weil eben in ihnen die Gnade und Kraft des Heiligen Geistes am reichsten sich darbot.
Und lasse sie über sich beten. – Der Gebrauch, über jemand zu beten, zielt darauf, ihn gleichsam persönlich vor Gott darzustellen, da wir ja bei persönlicher Anwesenheit am Ort der Not mit viel größerer Teilnahme beten, wie nicht nur Elisa (2. Könige 4.34) und Paulus (Apostelgeschichte 20.10), sondern Christus selbst (Johannes 11.41 f.) mit dieser Weise die Wärme des Gebetes gesteigert und die Gnade Gottes empfohlen haben. Bemerkenswert ist aber hier die Zufügung der Verheißung, damit der betende Glaube habe, woran er sich halten kann. Denn der da zaudert, ruft Gott nicht in rechter Weise an und ist deshalb natürlich unwürdig, etwas zu erhalten; wir haben das ja im ersten Kapitel gehört. Wer immer erhört werden will, der mache es bei sich fest, dass sein Gebet nicht fruchtlos sein kann. So spricht Jakobus von jener besonderen Gabe, deren bloßer Anhang der äußere Ritus ist. Wir schließen daraus, dass ohne Glauben auch der Gebrauch des Öles nicht rechtmäßig ist.
Und so er hat Sünden getan, werden sie ihm vergeben sein. – Das ist nicht nur der Stärkung halber hinzugefügt, als sollte es heißen, Gott werde den Kranken noch Größeres geben als Gesundheit des Leibes, sondern weil die Krankheiten sehr oft der Sünden halber verhängt werden, so deutet dieser Hinweis die Sündenvergebung an, dass die Ursache des Übels hinweggeschafft werde. Wir sehen ja auch, wie David (zum Beispiel in Psalm 6) bei Krankheitsnot, vom Wunsch der Erleichterung bewegt, sich ganz in die Bitte um Verzeihung der Sünden hineinlegt. Wozu das, wenn nicht, weil David die Wirkung seiner Schuld in den Strafen erblickt und deshalb kein anderes Heilmittel zu finden weiß, als dass der Herr die Zurechnung seiner Sünden aufhören lasse? Die Propheten sind von diesem Gedanken erfüllt, dass die Menschen vom Übel befreit werden, sobald sie von der Fessel ihrer Verschuldung erlöst werden. Das also sollen wir als das rechte Heilmittel für unsere Krankheiten wie für andere Unglücksfälle erkennen, dass wir uns angelegentlich um den Frieden mit Gott und die Vergebung der Sünden bekümmern.