Jakobus Kapitel 4 Teil III

    Jakobus 4.7-10

    So seid nun Gott untertänig; widerstehet dem Teufel, so fliehet er von euch. Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch. Reiniget die Hände, ihr Sünder, und machet eure Herzen keusch, ihr Wankelmütigen. Seid elend und traget Leid und weinet; euer Lachen verkehre sich in Weinen und eure Freude in Traurigkeit. Demütiget euch vor Gott, so wird er euch erhöhen.

    So seid nun Gott untertänig. – Die empfohlene Unterwerfung soll den Charakter der Demut haben. Nicht eine allgemeine Ermahnung zum Gehorsam gegen Gott wird gegeben, sondern demütige Unterwerfung gefordert, weil der Geist Gottes auf den Demütigen und Stillen ruht. Darum gibt Jakobus diese Forderung auch als eine Folge. Weil er vom Geist Gottes ausgesagt hat, Er sei freigebig in der Vermehrung der Gnadengaben, so schließt er daraus, dass wir unter Ablegung jedes selbstsüchtigen Eifers uns Gott unterwerfen müssen. Viele Handschriften haben dazwischen (Vers 6) noch den Satz: „Deswegen heißt es: Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Da er aber in anderen Handschriften nicht gelesen wird, so hegt Erasmus den Argwohn, er sei von irgendeinem Leser auf dem Rande notiert und hernach in den Text geraten. Und das ist auch möglich, obwohl er zum Zusammenhang sehr wohl passen würde. Denn die Meinung einiger, es sei doch unbegreiflich, dass ein Wort oder Zitat aus der Schrift angeführt sein sollte, das man nur bei Petrus (1. Petrus 5.5) findet, wird leicht entkräftet. Ich vermute vielmehr aus der allgemeinen Lehre der Schrift heraus, dass diese sprichwörtliche Redensart damals unter den Juden gang und gäbe gewesen sein muss. Sie enthält ja nichts anderes, als was Psalm 18.28 steht und an mehreren Stellen sonst auch noch: „Ein demütiges Volk behütest du, Herr, und die Augen der Stolzen niedrigst du.“

    Widerstehet dem Teufel. – Nun wird gezeigt, wohin wir unseren Kampf richten müssen. Ähnlich sagt ja auch Paulus, dass wir nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen hätten, und feuert uns an zum Geister-Kampf (Epheser 6.12). Nachdem also Jakobus Bescheidenheit gegen die Menschen, Demut gegen Gott gelehrt hat, stellt er uns den Satan als den Feind vor Augen, wider den man sich auflehnen soll. Doch scheint die hinzugefügte Verheißung von der Flucht des Teufels in der täglichen Erfahrung ihre Widerlegung zu finden. Denn das ist sicher: Je tapferer unser Widerstand, desto schärfer die Bedrängnis. Denn der Satan spielt nur sozusagen, wo er nicht ernstlichen Widerstand findet, aber gegen die Widerspenstigen entwickelt er dann, was er an Stärke besitzt. Weiter wird er auch durch den Kampf niemals ermüdet, vielmehr bietet er, in einer Schlacht besiegt, sogleich eine neue an. Demgegenüber sage ich, dass der Teufel flieht, bedeutet, dass er eine Niederlage erleidet. Und gewiss ist es: Obgleich er beständig seine schmählichen Angriffe erneuert, muss er doch immer fruchtlos abziehen.

    Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch. – Eine neue Zusicherung, dass uns Gottes Hilfe nicht fehlen wird, wenn wir Ihm nur Raum geben. Denn wenn Jakobus befiehlt, wir sollten uns zu Gott nahen, damit wir Ihn als nahe empfinden, bedeutet Er uns, dass wir Seiner Gnade deswegen verlustig gehen, weil wir uns von Ihm entfernen. Steht Gott aber auf unserer Seite, so fehlt jeder Anlass zur Furcht, dass wir unterliegen möchten. Wenn aber jemand hieraus den Schluss ziehen wollte, wir müssten den Anfang machen, Gottes Gnade folge dann nach, so liegt solche Meinung dem Apostel ganz fern. Zugegeben, dass wir anfangen müssten, so folgt daraus noch lange nicht, dass wir es auch vermöchten. Und mit der Mahnung zur Pflicht verzichtet der Geist Gottes nicht im Geringsten auf Sein und Seiner Kraft Vorrecht, selbst eben dies, was Er befiehlt, auch in uns zustande zu bringen. In Summa: Jakobus beabsichtigt hier nichts anderes als dies, zu versichern, dass Gott uns niemals fehlen werde, es sei denn, dass wir uns selbst von Ihm entfernen. Er will uns helfen wie einer, der die Hungrigen zu Tisch, zur Quelle die Durstigen führt. Weil unsere Füße erlahmen, deswegen liegt so viel daran, dass unser Gang vom Herrn geleitet und aufrechterhalten wird. Eine abgeschmackte Spitzfindigkeit ist die Behauptung, Gottes Gnade komme erst an zweiter Stelle und hinter unserer guten Vorbereitung, da Jakobus doch das Nahen Gottes zu uns erst an zweiter Stelle nenne. Denn das ist für unsere Erfahrung nichts Neues, dass Gott Seine schon geschenkten Gnaden durch neue mehrt, und dass Er so die, denen Er bereits viel gegeben, noch mehr und mehr bereichert.

    Reiniget die Hände. – Das ist eine Klagerede gegen alle Gottentfremdeten. Und zwar bezeichnet Jakobus nicht zwei verschiedene Klassen von Menschen, sondern eben dieselben nennt er Sünder und Wankelmütige. Auch meint er nicht alle möglichen Sünder, sondern die durch Untaten und verderbtes Leben befleckten. So wird ja bei Johannes (9.3) der Ausdruck gebraucht, dass Gott die Sünder nicht hört. Und Lukas (7.37) nennt in diesem Sinn jenes Weib eine „Sünderin“, und bei ihm und den andern Evangelisten heißt es: Dieser isst und trinkt mit den Sündern. Nicht alle ohne Unterschied lädt Jakobus also zu der hier charakterisierten Buße ein, sondern die Leute schlechten und verderbten Herzens, schimpflichen und mit Schande beladenen, oder sogar mit Verbrechen befleckten Lebens! Von diesen fordert er Keuschheit des Herzens und Reinheit der Werke. Daraus wird uns die wahre Art und Natur der Buße klar; nicht nur das äußere Leben soll in ihr gebessert werden, sondern sie macht den Anfang mit der Reinigung des Herzens. Umgekehrt ist es natürlich nötig, dass die Früchte der inneren Buße in der Reinheit der Werke zur Erscheinung kommen.

    Seid elend und traget Leid. – Traurigkeit kündigt Christus verwünschend (Lukas 6.25) denen an, die lachen. Und Jakobus droht bald hernach (5.1) den Reichen in gleicher Weise Trauer an. Hier aber handelt es sich um die heilsame Traurigkeit, die uns zur Buße führt. An solche Leute ergeht die Rede, die benebelten Sinnes das Gericht Gottes nicht fühlen, daher sich in Lastern gefallen. Solch todbringende Betäubung ihnen zu nehmen, fordert er sie auf, das Trauern zu lernen unter dem Schmerz des erwachten Gewissens und aufzuhören mit ihrer Selbstberäucherung im Angesichte des nahen Verderbens. „Lachen“ steht für die Weltfreuden überhaupt, welche die Gottlosen sich bereiten, während sie das Gericht Gottes vergessen, betört vom süßen Gift ihrer Verbrechen.

    Demütiget euch vor Gott, so wird er euch erhöhen. – Das ist der Schluss des Vorhergehenden: Wenn Er sieht, dass wir jene hochmütigen Gedanken abgetan haben, dann wird Gottes Geist zu unserem Trost uns nahe sein. Wir sind eifersüchtig und neiden, weil wir hochzukommen begehren. Das ist eine verkehrte Rechnung. Gottes Art ist es, die Kleinen aufzurichten, und zumal die sich freiwillig erniedrigen. Wer immer eine fest begründete Höhe erstrebt, niedergeworfen im Gefühl seiner eigenen Schwäche, der denke über sich nicht anders als demütig. Gut sagt Augustin irgendwo: Wie der Baum tief unter sich die Wurzeln senden muss, um himmelwärts zu wachsen, so fährt jeder zu seinem Verderben aufwärts, der seine Seele nicht in der Demut hat wurzeln lassen.