2. Petrus Kapitel 1 Teil V

    2. Petrus 1.19-21

    Und wir haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. Und das sollt ihr für das erste wissen, dass keine Weissagung in der Schrift geschieht aus eigener Auslegung. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.  

    Und wir haben desto fester das prophetische Wort. – Der Apostel lehrt, dass die Gewissheit des Evangeliums auch schon in den Weissagungen der Propheten gegründet sei, damit die, welche sie besitzen, nicht zögerten, sich ganz Christus zu ergeben. Denn wer unschlüssig ist, der kann nicht froh werden. Wenn Petrus übrigens sagt: „Wir haben“, so kann man das auf ihn selbst und die anderen Lehrer wie auf die Schüler beziehen. An den Propheten hatten die Apostel Gewährsmänner für ihre Lehre. Auch die Gläubigen entnahmen daraus allezeit eine Bestätigung des Evangeliums. Ich neige mehr zu der Ansicht, dass er von der ganzen Gemeinde und von sich selbst als einem Gliede derselben redet. Aber warum bezeichnet er das prophetische Wort als desto fester? Dass es desto fester geworden sein sollte, weil Gott jetzt tatsächlich erfüllt hat, was Er darin von Seinem Sohne verhieß, dünkt mich eine gezwungene Deutung. Es leuchtet vielmehr ein, dass durch ein doppeltes Zeugnis die Wahrheit des Evangeliums bekräftigt werden soll: Einmal dadurch, dass Christus durch Gottes feierliche Stimme ein so kräftiges Zeugnis empfing, zum andern weil alle Weissagungen der Propheten auf dasselbe Ziel deuten. Allerdings scheint auf den ersten Blick ungereimt, dass das prophetische Wort fester sein soll als die Stimme, die aus dem heiligen Munde Gottes selbst kommt. Denn erstlich eignet ja dem Worte Gottes zu allen Zeiten dasselbe Ansehen, sodann ist es durch Christi Kommen vollends bestätigt worden, wie man im Hebräerbrief ausführlich lesen kann. Doch ist dieser Knoten leicht zu lösen: Der Apostel redet aus der Stimmung seiner jüdischen Volksgenossen, denen die Propheten wohl vertraut waren, so dass über deren Lehre keine Meinungsverschiedenheit bestand. Wenn also für die Juden alles, was die Propheten gelehrt hatten, als von Gott selbst ausgegangen galt, so ist es nicht zu verwundern, wenn Petrus sagt: Das prophetische Wort sei für sie desto fester. Bringt man doch auch schon dem Alter immer eine gewisse ehrfurchtsvolle Scheu entgegen!

    Außerdem hat man auf andere Umstände zu achten, dass bei Weissagungen, durch die das Reich Christi so lange zuvor angekündigt war, sich kein Argwohn erheben konnte. Es handelt sich an dieser Stelle also nicht darum, ob das prophetische Wort mehr Glauben verdiene als das Evangelium; sondern Petrus nimmt nur Rücksicht auf das Vertrauen, das seine Stammesgenossen den Propheten entgegenbrachten, welche sie unstreitig für rechtmäßige Diener Gottes hielten, sind sie doch von klein auf in deren Schule gesessen!
    Und ihr tut wohl, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. – Es fragt sich: Was ist dieser Tag, an dessen Anbruch Petrus erinnert? Unter dem dunkeln Ort ist nicht etwa die Zeit unschlüssigen Schwankens zu verstehen, sondern die ganze Lebensbahn. Und der Tag wird für uns erst anbrechen, wenn wir von Angesicht zu Angesicht sehen, was wir jetzt durch einen Spiegel und im Gleichnis schauen. Es leuchtet zwar im Evangelium die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, aber so, dass die Schatten des Todes unsere Seelen immer noch teilweise bedecken, bis wir aus dem Kerker des Fleisches entführt und in den Himmel versetzt werden. Der Glanz des „Tages“ wird also darin bestehen, dass kein Nebel der Unwissenheit, kein Schleier den klaren Blick auf die Sonne hindert. Sicherlich sind wir noch so weit von jenem Tag entfernt, als unser Glaube noch seiner Vollendung mangelt. So ist es denn nicht verwunderlich, wenn unser gegenwärtiges Leben mit einem dunklen Ort verglichen wird. Sind wir doch noch weit entfernt von der Erkenntnis, zu der uns das Evangelium einlädt. Die Mahnung des Petrus besteht also kurz darin: Solange wir auf Erden wandern, brauchen wir das prophetische Wort als eine Leuchte, die uns den Weg weist. Ist sie erloschen, so können wir nur in der Finsternis umhertappen. Der Apostel will durchaus keine Scheidewand zwischen Propheten und Evangelium aufrichten. Sagt er doch: Jene leuchteten uns, um uns den Weg zu zeigen. Er will nur lehren: Unser ganzer Lebensweg müsse unter der Leitung des göttlichen Wortes stehen, da wir sonst in der Nacht der Unwissenheit überallhin geworfen würden, und Gott uns nicht anders leuchte, als wenn wir auf Sein Wort wie auf eine Lampe schauen. Denn das Licht, mit welchem der Apostel das Wort vergleicht, soll nicht etwa als ein schwaches, spärliches Lichtlein verstanden werden. Das Bild will nur den Gegensatz schärfer zeichnen: Wir haben kein eigenes Licht und können so wenig den rechten Weg finden wie einer, den die dunkle Nacht überfallen hat. Aber der Herr hilft diesem Mangel ab, indem Er eine Fackel anzündet, welche uns mitten im Dunkel den Weg weist.

    Zu dieser Erklärung scheint jedoch der Morgenstern nicht zu passen. Denn die untrügliche Erkenntnis, nach der wir unser ganzes Leben lang trachten, kann doch nicht als erster Anbruch des Tages bezeichnet werden. Ich antworte: Nicht die einzelnen Zeiten des Tages werden zueinander in Beziehung gesetzt, sondern der ganze Tag mit seinen Zeiten wird der Finsternis gegenübergestellt, welche all unsere Sinnen gänzlich verdunkeln würde, wenn uns nicht der Herr mit dem Licht Seines Worts zu Hilfe käme. Diese Stelle ist sehr wertvoll. Können wir doch daraus sehen, wie Gott uns regiert! Wer nicht auf die Leuchte des Wortes achtet, der ist in Finsternis versunken. Willst du also nicht freiwillig in den Abgrund stürzen, so hüte dich mit allem Fleiß, dass du auch keinen Finger breit von der Richtschnur des Wortes abweichst! Ja, die Gemeinde kann der Führung Gottes nicht anders folgen, als wenn sie bei dieser Art der Leitung ausharrt. In diesem Sinne verurteilt Petrus auch die ganze menschliche Weisheit, damit wir die wahre Richtschnur der Einsicht wo anders als Kraft eigenen Sinnens, in schlichter Demut, suchen möchten.

    Wichtig ist auch, dass Petrus von der Klarheit der Schrift redet. Denn das Lob wäre ganz falsch angebracht, wenn es uns nicht auf den hohen Wert und die Vortrefflichkeit der Schrift hinweisen würde. Ein jeder öffne also im Gehorsam die Augen des Glaubens und erkenne durch eigene Erfahrung, dass die Schrift nicht umsonst den Namen „Leuchte“ trägt. Den Ungläubigen ist sie zwar dunkel. Wer sich aber dem Verderben ergibt, der trübt sich selber die Augen. Es ist kein Wunder, wenn die stolzen, vom Wind verkehrten Vertrauens aufgeblähten Menschen dieses Licht nicht sehen, dessen der Herr allein die Kleinen und Niedrigen für würdig hält. In ähnlicher Weise rühmt David das Gesetz Gottes in den Psalmen 19 sowie 119.

    Und das sollt ihr für das erste wissen, dass keine Weissagung in der Schrift geschieht aus eigener Auslegung. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist. – Hier beginnt Petrus zu lehren, wie wir bereitet sein müssen, um die Schrift mit rechtem Nutzen zu gebrauchen. Um die Schrift zu lesen, sollen wir nicht unbedacht über sie herfallen, im Vertrauen auf unsere eigene Weisheit. Dann erst gereichen uns die Worte der Propheten zum Nutzen, wenn wir allen Fleischessinn ablegen und uns ohne Vorbehalt dem Lehramt des Heiligen Geistes unterstellen. Gottlose Entweihung der Schrift ist es aber, wenn wir voll Anmaßung mit unserem Scharfsinn herankommen, sie zu verstehen. Denn sie birgt Gottes Geheimnisse in sich, die unserem Fleische verborgen sind, und tiefe Lebensschätze, die das Maß unseres Verständnisses weit überragen. Das Licht, das in derselben leuchtet, scheint eben nur den Demütigen. Ganz abgeschmackt ist es, wenn die Papisten hieraus entnehmen, es dürfe keine Erklärung, wie einzelne Männer sie geben, für maßgebend gehalten werden. Sie missbrauchen dieses Zeugnis des Apostels Petrus, um ihren Konzilien das alleinige Recht zuzusprechen, die Schrift auszulegen. Das ist geradezu kindisch! Denn wenn Petrus von eigener Auslegung redet, so denkt er nicht an jegliche Erläuterung, die ein einzelner Mensch gibt und die verwehrt sein sollte, sondern er erklärt alles für unheilig, was Menschen aus sich selbst beibringen. Mag also die ganze Welt zusammenkommen und aller Menschen Geister sich vereinigen, so wird es „eigene Auslegung“ sein, was sie zustande bringen – im Gegensatz zu der göttlichen Offenbarung, mit welcher der Heilige Geist die Gläubigen erleuchtet, damit sie verstehen, was Gottes Wort sagen will.

    Dass nur Gottes Geist das Verständnis erschließen kann, wird mit den folgenden Sätzen begründet (Vers 21): In den Weissagungen der Schrift haben die heiligen Menschen Gottes geredet, getrieben vom heiligen Geist. Nicht von sich aus oder aus eigenem Gutdünken haben sie ihre Pfündlein in die Welt hinausgeschwatzt. Kurz: Das ist der Anfang rechter Einsicht, wenn man den Glauben, den man Gott schuldet, auch Seinen heiligen Propheten entgegenbringt. „Heilige Menschen Gottes“ heißen sie, weil sie das ihnen anvertraute Amt treulich verwaltet haben und sich bei ihrem Dienste der göttlichen Sendung stets bewusst geblieben sind. Sie waren „getrieben“, nicht in dem Sinne, als wären sie bewusstlos, so genannte „Enthusiasten“ gewesen, sondern: Sie haben nichts von sich aus zu unternehmen gewagt; sie folgten nur gehorsam der Führung des Geistes, der in ihrem Munde wie in Seinem Heiligtum regierte.