1. Petrus 5.5-7
Desselbigengleichen, ihr Jüngeren, seid untertan den Ältesten. Allesamt seid untereinander untertan, und umkleidet euch mit Demut. Denn Gott widerstehet den Hoffärtigen; aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, dass er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn Er sorget für euch.
Desselbigengleichen, ihr Jüngeren, seid untertan den Ältesten. – Die Ältesten, oder besser Älteren, werden hier in einem etwas anderen Sinne genannt als zuvor. Es stehen sich hier die Jungen und die Alten gegenüber. Gemeint sind also die Greise, während zuvor vom Ältestenamt die Rede war. Der Gedanke schreitet von einem engeren Kreise zu einem weiteren fort. Alles in allem will der Apostel, dass jeder, der an Lebensalter zurücksteht, auf den Rat der Älteren höre und sich belehrbar und bescheiden stelle. Denn junge Leute kommen besonders leicht zu Fall, bedürfen also des Zügels. Weiter können die Hirten ihr Amt nicht ausrichten, wenn nicht jene ehrerbietige Stimmung waltet und gepflegt wird, dass jüngere Leute sich leiten lassen. Denn wo keine Unterordnung ist, ist jede Ordnung in der Gemeinschaft umgestürzt. Wo die Leute, die nach Ordnung des Rechtes oder der Natur an der Spitze stehen sollten, keine Autorität besitzen, wird die Masse sofort zügellos und frech.
Allesamt seid untereinander untertan. – Damit wird der Zweck aufgedeckt, welchem die geforderte Unterordnung der Jüngeren unter die Älteren dient: es soll unter allen Gleichmäßigkeit und Harmonie bestehen. Die Autorität, welche den alten Leuten zugesprochen wird, bedeutet doch nicht das Recht und die Freiheit, für sich selbst den Zügel abzuschütteln; auch ihrerseits haben sie sich in eine Ordnung zu fügen, damit man sich gegenseitig diene. So ist der Mann des Weibes Haupt, und doch ist er ihr auch seinerseits gewissermaßen unterworfen. So hat ein Vater Obergewalt über seine Kinder, und doch ist er nicht derartig von aller Unterordnung frei, dass er nicht auch er ihnen etwas schuldete. Dieser Grundsatz gilt ganz allgemein. Kurz, alle Abstufungen im Gemeinschaftsleben zielen auf die Erhaltung des Gesamtkörpers. Sie wird unmöglich sein, wenn nicht alle Glieder in gegenseitiger Unterordnung sich ineinander fügen.
Umkleidet euch mit Demut. – Nichts liegt dem menschlichen Sinne ferner als die Unterordnung. Das alte Wort hat recht, dass jeder den Geist eines Königs in sich trage. Ehe also nicht jene hohen Geister unterworfen sind, von welchen die menschliche Natur strotzt, wird keiner dem anderen weichen wollen; vielmehr wird ein jeglicher die anderen verachten und alles für sich beanspruchen. Darum wendet sich der Apostel klüglich gegen ein hochfahrendes und stolzes Wesen, um der Bescheidenheit bei uns einen Platz zu schaffen. Treffend ist das Bild, dessen er sich bedient: Wir sollen uns mit Demut rings umkleiden, wie ein Gewand den ganzen Körper deckt. Auch darauf deutet das Bild hin, dass kein Schmuck schöner und prächtiger ist als eine bescheidene Haltung.
Denn Gott widerstehet den Hoffärtigen. – Eine überaus schwere Drohung: Alle Menschen, die sich überheben möchten, werden Gott zum Feinde haben, der sie niederschlägt; wer dagegen sich niedrig hält, wird an Ihm einen Freund und Gönner finden. Wir mögen uns vorstellen, dass Gott zwei Hände hat: Mit der einen schlägt Er wie mit einem Hammer nieder, die sich erheben, und zermalmt sie; mit der andern hebt und stützt Er wie mit einer starken Stütze, die sich freiwillig beugen. Wäre dies unsere feste, unseren Herzen tief eingeprägte Überzeugung, wer würde dann im Übermut Krieg mit Gott anzufangen wagen? Weil wir aber ungestraft zu bleiben hoffen, erheben wir ungescheut unser Horn bis zum Himmel. Es möge also der Satz des Petrus wie ein himmlischer Blitzstrahl wirken, die Menschen zu demütigen. Unter den Demütigen sind Leute zu verstehen, die sich von allem Vertrauen auf eigene Tüchtigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit entäußern und alles Gute in Gott allein suchen. Wenn man auf keinem andern Weg zu Gott gelangen kann, wer sollte dann nicht gern auf Eigenruhm verzichten und sich demütigen?
So demütigt euch nun. – Immer müssen wir das Ziel im Auge behalten, um dessentwillen der Apostel uns die Demut vor Gott anbefiehlt: Wir sollen dadurch freundlich und menschlich mit den Brüdern umgehen lernen und die Unterordnung nach dem Maß der Liebe nicht verweigern. Wer also hochfahrend und widerwillig im Verkehr mit den Menschen ist, von dem sagt der Apostel, dass er sich wider Gott auflehnt. Demgemäß ermahnt er alle Frommen, sich der Macht Gottes zu unterwerfen. Er spricht, um uns desto mehr Schrecken einzujagen, von Gottes gewaltiger Hand. Das hat in diesem Zusammenhange auch den Sinn, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen, als ob eine demütige Haltung uns schaden könnte und die andern daraus nur Anlass zu größerer Frechheit nähmen. Dem begegnet Petrus und verheißt, dass Gott alle, die sich unterwerfen, erhöhen werde. Um aber zugleich einer übergroßen Eile zu wehren, fügt er hinzu: Zu seiner Zeit. Er prägt also ein, dass wir nötig haben, für eine Spanne Zeit demütige Unterwerfung zu lernen, dass aber Gott schon weiß, wann es nützlich ist, uns emporzuheben. So ziemt es sich, dass wir uns Seinem Rat anvertrauen.
Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn Er sorget für euch. – Jetzt verweist uns der Apostel noch dringender auf Gottes Vorsehung. Das Sprichwort sagt, man müsse mit den Wölfen heulen, und töricht sei, wer wie ein Schaf vom Wolf sich verschlingen lasse. Solche Reden entspringen doch nur der Meinung, dass ein bescheidenes Verhalten auf unserer Seite der Frechheit der Gottlosen die Zügel löse, so dass sie uns nur noch hochfahrender angreifen. Solche Stimmung erwächst aber aus Unkenntnis der göttlichen Vorsehung. Sobald es uns dagegen einmal feststeht, dass Gott für uns sorgt, wird unsere Seele leicht auf Geduld und Sanftmut sich stimmen lassen. Damit also menschliche Ungerechtigkeit uns nicht zu trotzigem Widerstand reize, gibt uns der Apostel das gleiche Heilmittel in die Hand, wie David im 37. Psalm (Vers 5): Indem wir unsere Sorge auf Gott werfen, sollen wir still sein. Denn wer nicht in Gottes Vorsehung seine Ruhe findet, muss in sich selbst in beständigem Aufruhr sein und mit gewaltsamem Ansturm auf andere losschießen. Umso eifriger sollen wir uns in den Gedanken versenken, dass Gott für uns sorgt; so werden wir zum ersten starken Frieden in uns haben und zum andern uns bescheiden und sanftmütig gegen die Menschen beweisen. Dass wir alle unsere Sorge auf Gott werfen sollen, hat übrigens nicht den Sinn, als sollte unser Herz wie Stein werden und wir alle Empfindung verlieren; nur soll uns kein Zittern noch übermäßige Angst zur Ungeduld treiben. Die Erkenntnis der göttlichen Vorsehung verscheucht nicht derartig jede Sorge, dass die Menschen in Sicherheit sich könnten gehen lassen: Sie will uns nicht fleischliche Stumpfheit, sondern Ruhe des Glaubens bringen.