1. Petrus Kapitel 4 Teil II

    1. Petrus 4.6-11

    Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, auf dass sie gerichtet werden nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geist Gott leben. Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun mäßig und nüchtern zum Gebet. Vor allen Dingen aber habt untereinander eine brünstige Liebe; denn die Liebe deckt auch der Sünden Menge. Seid gastfrei untereinander ohne Murmeln. Und dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. So jemand redet, dass er´ s rede als Gottes Wort. So jemand ein Amt hat, dass er´ s tue als aus dem Vermögen, das Gott darreicht, auf dass in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christ, welchem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. 

    Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt. – Wir sehen jetzt, in welcher Richtung der Apostel seine frühere Aussage (3.19) verwendet: Der Tod hindert nicht, dass Christus uns nicht dennoch für alle Zeit als Rächer zur Seite stehe. So bringt es den Frommen einen herrlichen Trost, dass ihr Sterben keinen Verlust für ihr Heil bedeutet. Mag also auch Christus in diesem Leben nicht als Befreier erscheinen, so wird die von Ihm beschaffte Erlösung doch nicht wertlos und vergeblich – ihre Wirkung erstreckt ja sich bis auf die Toten. Übrigens lässt es der griechische Ausdruck zweifelhaft, ob den Toten das Evangelium als Heilsmittel oder Christus als Erlöser gepredigt ward, was doch für den Sinn fast keinen Unterschied macht. Wenn nun die Gnade Christi einmal bis zu den Toten dringen konnte, so ist kein Zweifel, dass auch wir sie noch nach dem Tode schmecken werden. Wir ziehen hier also zu enge Grenzen, wenn wir sie auf das gegenwärtige Leben beschränken.

    Auf dass sie gerichtet werden nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geist Gott leben. – Allerlei Auslegungen, die sich weit von der Meinung des Apostels entfernen dürften, übergehe ich. Nach meiner Ansicht soll einem Einwurf begegnet werden. Konnte man doch sagen, dass sich keine Frucht des Evangeliums für die Toten sehen lasse, weil es sie ja keineswegs ins Leben zurückführe. Zur Hälft gibt Petrus diesem Einwurf recht, jedoch so, dass er den Toten das von Christus erworbene Heil nicht abspricht. Es ist eine Einräumung, wenn er im ersten Satzglied sagt, dass die Menschen am Fleisch gerichtet, das heißt verurteilt werden. „Fleisch“ bedeutet dabei den äußeren Menschen. So ergibt sich der Sinn: Obwohl die Toten, wie es der Lauf der Welt ist, an ihrem Fleisch Vernichtung leiden und nach dem äußeren Menschen als Verurteilte dastehen mussten, so hören sie doch nicht auf, bei Gott zu leben, und zwar im Geist; denn Christus macht sie mit Seinem Geist lebendig. Nun fügen wir hinzu, was Paulus lehrt (Römer 8.10), dass der Geist Leben ist und die Reste des Todes, die uns noch anhaften, endlich verzehren muss. Alles in allem: Mag nach ihrer menschlichen Stellung im Fleisch die Lage der Toten eine minderwertige sein, so genügt es doch, dass der Geist Christi sie lebendig macht, der sie ja einst zur Vollkommenheit des Lebens führen wird.

    Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. – Obgleich die Gläubigen vernehmen, dass ihr Glück anderswo ist als in der Welt, so spiegeln sie sich doch ein langes Leben vor, und diese verkehrte Einbildung macht sie träge und sorglos, so dass sie ihren Eifer nicht völlig dem Reiche Gottes zuwenden. Darum möchte sie der Apostel aus der Schläfrigkeit des Fleisches aufwecken, indem er an das nahe Ende aller Dinge erinnert. Er gibt damit zu verstehen, dass man nicht träge an dieser Welt haften darf, die wir ja nach kurzer Zeit verlassen müssen. Er denkt dabei nicht an das persönliche Ende eines jeden Menschen, sondern an die gesamte Erneuerung der Welt und will sagen, dass in Bälde Christus kommen wird, um allen Dingen ein Ende zu machen. Es ist nicht zu verwundern, dass die Sorgen der Welt uns in Beschlag nehmen und wie im Schlaf erhalten, dass der Anblick der gegenwärtigen Dinge unsere Augen blendet; denn fast alle Menschen versprechen sich eine Ewigkeit in dieser Welt, wenigstens denken sie fast niemals an das Ende. Würde aber die Posaune Christi in unsere Ohren schallen, so müsste sie alle unsere Gefühle aufs tiefste erschüttern und könnte uns nicht in solcher Erstarrung lassen. Übrigens könnte man einwenden, dass, seitdem Petrus dies schrieb, eine lange Reihe von Zeitaltern verflossen sei und man doch noch nichts vom Ende gesehen habe. Aber die Zeit dünkt uns nur darum so lang, weil wir ihre Länge mit den Maßstäben dieses vergänglichen Lebens messen. Könnten wir die ewige Dauer des zukünftigen Lebens anschauen, so würden viele Jahrhunderte uns wie ein Augenblick dünken, wie auch der zweite Petrusbrief (3.8) lehrt. Übrigens sollen wir uns an den Grundsatz halten: Seitdem Christus einmal erschienen ist, bleibt für die Gläubigen nichts anders übrig, als mit gespanntem Gemüt ständig seiner zweiten Ankunft entgegenzuharren. Dass wir (Vers 8) mäßig und nüchtern sein sollen, dürfte sich mehr auf die Seele als auf den Leib beziehen. Stimmt doch diese Mahnung mit dem Wort Christi überein (Matthäus 25.13): „Wachet, denn ihr wisset weder Tag noch Stunde.“ Denn wie Schlemmerei und Nachgiebigkeit gegen den Schlaf den Leib beschweren und ihn zu seinen Pflichten untüchtig machen, so machen die eitlen Sorgen oder die Ergötzungen dieser Welt die Seele trunken und taumelig. Dass wir nüchtern sein sollen zum Gebet, deutet auf die allernotwendigste Übung, in welcher die Gläubigen sich vornehmlich bewegen müssen, weil alle ihre Stärke vom Herrn kommt. Der Apostel will etwa sagen: Da ihr in euch selbst nur zu schwach seid, so bittet vom Herrn, dass Er euch stärke. Dabei prägt er uns auch ein, dass man ernstlich und nicht obenhin beten muss.

    Vor allen Dingen aber habt untereinander eine brünstige Liebe; denn die Liebe deckt auch der Sünden Menge. – In erster Linie wird uns die Liebe empfohlen, die das Band der Vollkommenheit ist. Und es wird gesagt, dass sie brünstig oder angespannt sein soll; denn jeder Mensch ist nur zu brünstig in der Liebe gegen sich selbst und liebt alle anderen nur kalt. Der Wert der Liebe wird uns nun an ihren Früchten gezeigt: Sie deckt auch der Sünden Menge. Nichts ist ja wünschenswerter als dies. Der Satz ist aus den Sprüchen Salomos entnommen (10.12), wo es heißt: „Hass erregt Hader; aber Liebe deckt zu alle Übertretungen.“ Der Sinn ergibt sich deutlich aus dem Gegensatz der beiden Vershälften. Das erste Glied spricht aus, dass es seinen Grund im Hass hat, wenn die Menschen sich gegenseitig durchhecheln, schmähen und alles Hässliche und Tadelnswerte aufdecken. Das zweite Glied schreibt dann der Liebe die gegenteilige Wirkung zu: Wenn Menschen sich lieb haben, verzeihen sie gütig und freundlich einander vieles; so begraben sie hin und her ihre Fehler, und jeder will des andern Ehre unangetastet wissen. Mit der Erinnerung daran bekräftigt Petrus seine Mahnung, indem er darauf hinweist, dass für uns selbst nichts nützlicher ist, als gegenseitige Liebe zu pflegen. Denn wer leidet nicht an vielen Fehlern? Darum bedarf jeder der Verzeihung, und keiner ist, der nicht für sich Schonung wünschen müsste. Dies unvergleichliche Gut verschafft uns nun die Liebe, wenn sie unter uns waltet, dass unzählige böse Dinge durch Vergessenheit zugedeckt werden. Wo man aber dem Hass die Zügel schießen lässt, müssen die Menschen einander beißen und fressen und sich dadurch verzehren, wie Paulus sagt (Galater 5.15). Bemerkenswert ist auch, dass nach Salomos Wort die Liebe nicht bloß wenige, sondern viele Sünden deckt, wie auch Christi Spruch uns heißt, den Brüdern siebenzigmal siebenmal zu vergeben (Matthäus 18.22). Je mehr Sünden also die Liebe heilt, desto deutlicher sieht man, wie nützlich sie zur Bewahrung des Menschengeschlechts ist. Dies ist der einfache Sinn der Worte. Daraus ergibt sich, wie lächerlich es ist, wenn die Papisten hier einen Beweis für ihre genugtuenden Leistungen finden wollen, als könnten Almosen und andere Liebeserweise vor Gott Sünden aufwiegen und austilgen.

    Seid gastfrei untereinander. – An die allgemeine Mahnung zur Liebe schließt sich die Empfehlung einer besonderen Liebespflicht. Gastfreundschaft stand in damaliger Zeit in allgemeiner Übung und galt als ein besonders heiliges Stück menschlichen Betragens. So befiehlt der Apostel, dass man sie gegenseitig übe: Niemand soll von den andern mehr verlangen, als er selbst zu leisten bereit ist. Der Apostel fügt hinzu: Ohne Murmeln. Denn es geschieht gar selten, dass jemand dem Nächsten sich und das Seine zur Verfügung stellt, ohne es ihm böswillig aufzudrücken. Der Apostel will also, dass wir die Guttätigkeit weitherzig und frohen Sinnes üben.

    Und dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. – Damit werden wir erinnert, was wir uns immer vorhalten müssen, wenn wir unsern Mitmenschen Gutes tun. Denn nichts ist geeigneter, das Murren zum Schweigen zu bringen, als der Gedanke daran, was uns vom Herrn anvertraut ward. Sollen wir die Gaben verwalten, die ein jeglicher empfangen hat, so liegt darin ein Gesetz, dass wir unsre Fähigkeiten eben dazu ausgeteilt erhielten, um uns in der Unterstützung der Brüder als Gottes Diener zu beweisen. So ist das zweite Glied eine Erläuterung des ersten: Wir sollen uns als gute Haushalter beweisen. Und wie im ersten Gliede von der Gabe die Rede war, die jeder empfangen hat, so hier von der mancherlei Gnade Gottes, die uns Gott verschiedenartig ausgeteilt hat, damit ein jeder sein Teil zum gemeinen Besten verwende. Wenn wir also irgendein Vermögen mehr empfangen haben als andere, so sollen wir daran denken, dass wir Haushalter Gottes sind und dadurch verpflichtet, den Nebenmenschen freundlich mitzuteilen, wie ihre Not und ihr Bedarf es fordert. So werden wir geneigt und schnell zum Mitteilen sein. Und noch eine andere Überlegung ist wertvoll: Wenn der Herr vielgestaltige Gnadengaben unter den Menschen ausgeteilt hat, soll niemand mit sich allein und seiner Begabung zufrieden sein, sondern ein jeder sich der Hilfe und Unterstützung von Seiten seines Bruders bedürftig fühlen. Dass die Menschen ohne gegenseitige Hilfe nicht leben können, ist ein Band, welches Gott geschaffen hat, um Gemeinschaft unter ihnen zu erhalten. So geschieht es, dass ein Mensch, der in vielen Stücken die Brüder um Hilfe angeht, umso lieber auch mit ihnen teilen wird, was er empfangen hat. Dass ein solches Gemeinschaftsband vorhanden ist, haben auch die Heiden bemerkt; aber der Apostel lehrt hier, dass Gott es absichtlich geschaffen habe, um die Menschen sich gegenseitig zu verpflichten.

    So jemand redet, dass er´ s rede als Gottes Wort. – Nachdem Petrus sich darüber geäußert hat, wie man Gottes Gaben in rechter und reiner Weise gebrauchen soll, hebt er nun beispielsweise zwei Stücke heraus, und zwar solche, die besonders herrlich und vor andern rühmlich sind. Das Lehramt in der Gemeinde ist eine hervorragende Gnadengabe Gottes. Darum befiehlt der Apostel ausdrücklich, dass, wer dazu berufen ist, sich treu beweise. Dabei ist aber nicht bloß von dem die Rede, was wir den Menschen, sondern auch davon, was wir Gott schuldig sind: Wir dürfen Ihm nicht Seine Ehre rauben. Wer also redet, das heißt nach öffentlicher Ordnung ein regelrechtes Amt empfangen hat, rede sein Wort als Gottes Wort. Er soll in Ehrfurcht, heiliger Scheu vor dem Herrn und zuverlässigem Ernst den anvertrauten Dienst auszurichten trachten und dabei bedenken, dass er mit Gottes Geschäften zu tun hat, und dass es Gottes, nicht sein eigenes Wort ist, was er darreicht. Denn noch immer verfolgt der Apostel den Gedanken, dass, wenn wir unsern Brüdern etwas mitteilen, wir nach Gottes Auftrag ihnen darreichen, was Er zu diesem Zwecke bei uns niedergelegt hat. Wenn die Leute, die sich als Lehrer der Kirche ausgeben, nur dies eine bedenken wollten, wie viel treuer und gewissenhafter müssten sie dann sein! Denn was für eine große Sache ist es doch, Gottes Worte zu handhaben und dabei Christus zu vertreten! Die gar zu große Gleichgültigkeit und Ungebundenheit kommt doch nur daher, dass die wenigsten an die hochheilige Majestät des göttlichen Wortes denken und darum sich gehen lassen, als trieben sie ein gemeines Geschäft. Wir aber schließen aus den Worten des Petrus, dass ein mit dem Lehramt betrauter Mensch nichts anderes zu tun hat, als die von Gott empfangene Lehre treulich den andern weiterzugeben. Denn niemand soll auftreten, als wer mit Gottes Wort gerüstet ist und aus Gottes Munde gewisse Offenbarungen vorbringen kann. So bleibt kein Raum für Menschengedichte. Denn der Apostel hat mit kurzem Wort eben die Lehre beschrieben, die in der Kirche überliefert werden soll. Dass man sie „als“ Gottes Wort vortragen soll, darf nicht etwas ermäßigend durch ein „gleichsam“ gedeutet werden – als ob es genug wäre, das, was man vorträgt, als Gottes Wort zu betiteln. Denn eben dies war einst die Weise der falschen Propheten; und heute sehen wir, wie anmaßend der Papst mit seinem Anhang durch diesen Titel alle seine gottlosen Überlieferungen deckt. Petrus aber will die Hirten der Gemeinde nicht zur Heuchelei anleiten, sondern zu nüchterner Bescheidenheit, zu Gottesfurcht und angespanntem Eifer; darum stellt er sich vor die Tatsache, dass sie mit Gottes Wort zu tun haben.

    So jemand ein Amt hat, dass er´ s tue als aus dem Vermögen, das Gott darreicht. – Dieses zweite Beispiel ist umfassender und begreift auch das Lehramt unter sich. Da es aber zu weit geführt hätte, alle einzelnen Ämter aufzuzählen, spricht der Apostel lieber insgemein über sie alle und will etwa sagen: Welches Amt in der Gemeinde du auch ausrichtest, du sollst wissen, dass du nichts leisten kannst, als was der Herr dir gegeben hat, und dass du nichts bist als ein Werkzeug Gottes. Hüte dich also, in Missbrauch der Gnade Gottes dich selbst zu erheben! Hüte dich, Gottes Kraft herabzusetzen, die sich in deinem Dienst zum Heil der Brüder auswirkt und offenbart! Darum soll man seinen Dienst tun aus dem Vermögen, das Gott darreicht, das heißt man soll nichts als sein Eigenes sich anmaßen und demütig sich Gott und Seiner Gemeinde zur Verfügung stellen.

    Auf dass in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christ. – Es ließe sich auch übersetzen: Bei allen Menschen. In jedem Fall ist die Meinung, dass Gott uns nicht darum mit Seinen Gaben schmückt, um sich selbst zu berauben oder sich zu einem nichtigen Götzen zu machen, indem Er Seine Ehre an uns abtritt. Vielmehr will Er eben dadurch Seine Herrlichkeit ringsum leuchten lassen. Darum ist es eine schändliche Befleckung der Gaben Gottes, wenn die Menschen irgendetwas anderes sich vorsetzen, als Gott zu verherrlichen. Dies geschieht aber durch Jesus Christus, weil alles Vermögen zum Dienst, welches wir besitzen, Er selbst allein uns einflößt. Denn Er ist das Haupt, von welchem aus der ganze Leib, durch die Glieder und Gelenke zusammengefügt, für den Herrn wächst, wie Er einem jeden Glied Seine Kraft einhaucht.

    Welchem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. – Manche Ausleger beziehen dies auf Christus; aber der Zusammenhang fordert die Beziehung auf Gott. Denn diese Wendung bekräftigt die voran stehende Erinnerung, dass Gott nach dem Ihm zustehenden Recht alle Ehre für sich in Anspruch nimmt, dass also Menschen Ihm verbrecherisch entreißen, was Sein ist, wenn sie Seine Ehre in irgendeinem Ding oder Stück verdunkeln.

     

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