1. Petrus 4.1-5
Weil nun Christus im Fleisch für uns gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselbigen Gedanken, dass nämlich, wer am Fleisch leidet, von Sünden aufhöret, dass er hinfort, was noch übriger Zeit im Fleisch ist, nicht der Menschen Lüsten, sondern dem Willen Gottes lebe. Denn es ist genug, dass wir die vergangene Zeit des Lebens zugebracht haben nach heidnischem Willen, da wir wandelten in Unzucht, Lüsten, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und gräulichen Abgöttereien. Das befremdet sie, dass ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbige wüste, unordentliche Wesen, und lästern; aber sie werden Rechenschaft geben dem, der bereit ist, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Weil nun Christus im Fleisch für uns gelitten hat, so wappnet euch auch. – Als uns zuvor Christus als Beispiel vorgestellt wurde, war nur von der Geduld unter dem Kreuz die Rede. Denn zuweilen wird die Abtötung durch Leiden als Kreuz bezeichnet, weil durch die Übung der Trübsal der alte Mensch aufgerieben und unser Fleisch gebändigt wird. Jetzt aber greift der Apostel weiter und handelt von der Erneuerung des ganzen Menschen. Diese zwiefache Gleichgestaltung mit dem Tode Christi legt die Schrift uns ans Herz: Erstlich sollen wir uns in Schmach und Leiden Sein Bild aufprägen lassen; zum andern sollen wir uns selbst absterben, den alten Menschen erdrücken und uns zu einem geistlichen Leben erneuern lassen. Immerhin kommt Christus nicht einfach als Vorbild in Betracht, wenn es sich um die Abtötung des Fleisches handelt; vielmehr werden wir durch Seinen Geist wahrhaft in Seinen Tod hineingesenkt, damit derselbe zur Kreuzigung unseres Fleisches in uns wirksam werde. Derselbe Gedanke wird im 6. Kapitel des Römerbriefs ausführlicher behandelt. Wenn Petrus sagt: Wappnet euch, so will er eben daran erinnern, dass wir tatsächlich und wirkungskräftig mit unbesiegbaren Waffen ausgerüstet sind, wenn wir den Tod Christi in rechter Weise ergreifen.
Mit demselbigen Gedanken, dass nämlich, wer am Fleisch leidet, von Sünden aufhöret. – Andere übersetzen „denn“. Aber wir haben es schwerlich mit einer Begründung, vielmehr mit einer Erläuterung zu tun. Petrus erklärt, welches der Gedanke ist, mit welchem der Tod Christi uns wappnet; dass nämlich, wer am Fleisch leidet, von Sünden aufhöret. Das Reich der Sünde muss in uns abgeschafft sein, damit Gott in unserem Leben regiere. Die Rede bezieht sich also nicht bloß auf Christus, sondern auf alle Frommen insgesamt und hat völlig den gleichen Sinn wie der Satz des Paulus im Römerbrief (6.7): „Wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt (oder losgelöst) von der Sünde.“ Beide Apostel wollen sagen, dass wir nichts mehr mit der Sünde zu schaffen haben; seitdem wir im Fleisch gestorben sind, hat sie kein Anrecht mehr, in uns zu blühen und ihre Macht in unserem Leben auszuüben. Allerdings könnte man es unpassend finden, dass Petrus uns in unserem Leiden am Fleisch als Christus gleichgestaltig darstellt. Denn sicherlich war doch keine Sünde in Christus, die hätte ausgeläutert werden müssen. Aber die Ähnlichkeit braucht sich nicht auf alles und jedes zu erstrecken. Es genügt, dass wir in einer ganz bestimmten Richtung dem Tode Christi gleich gestaltet sind. So verhält es sich ja auch mit jenem Pauluswort (Römer 6.5): „Wir sind eingepflanzt zur Ähnlichkeit seines Todes.“ Auch hier deckt sich nicht alles bis aufs letzte: Der Tod Christi kommt nur als Urbild und Beispiel unserer Abtötung in Betracht. Weiter muss erinnert werden, dass das Wort „Fleisch“ zweimal, und zwar in verschiedenem Sinne, gebraucht wird. Dass Christus im Fleisch gelitten hat, will besagen, dass die menschliche Natur, die Er von uns angenommen hatte, dem Tode unterworfen war; sofern Christus Mensch war, starb Er in einer Seiner Natur entsprechenden Weise. Wenn aber im zweiten Satzglied die Rede auf uns übergeht, bedeutet „Fleisch“ die Verderbtheit und Sündhaftigkeit unserer Natur. Dass wir am Fleisch leiden, beschreibt also die Verleugnung unserer selbst. Nun erkennen wir sowohl die Ähnlichkeit als die Verschiedenheit zwischen Christus und uns: Wie Er in dem von uns angenommenen Fleisch gelitten hat, so muss unser ganzes Fleisch gekreuzigt werden.
Dass er hinfort, was noch übriger Zeit im Fleisch ist, nicht der Menschen Lüsten, sondern dem Willen Gottes lebe. – Dieser Satz beschreibt, in welcher Weise man von der Sünde abstehen muss: Wir sollen auf die Lüste der Menschen verzichten und unser Leben dem Willen Gottes gleich zu gestalten bestrebt sein. So werden uns die zwei Stücke unserer Erneuerung vorgehalten, der Untergang des Fleisches und die Neubelebung im Geist. Von jener muss der Lauf eines rechten Lebens seinen Ausgang nehmen, auf diese muss er hinzielen. Weiter stellt Petrus hier fest, was die Regel eines rechten Lebens ausmacht: Der Mensch soll sich an Gottes Willen halten. Sobald er von diesem abirrt, ist nichts Nichtiges und Wohlgeordnetes mehr in seinem Leben. Weiter erscheint der Gegensatz zwischen dem Willen Gottes und der Menschen Lüsten bemerkenswert. Wir können daraus abnehmen, wie groß unsere Verkehrtheit ist und wie schwer wir ringen müssen, um dem Herrn gehorsam zu werden. In dem Ausdruck „was noch übriger Zeit im Fleisch ist“ bedeutet Fleisch das gegenwärtige Leben, wie auch einmal im Hebräerbrief (5.7).
Denn es ist genug, dass wir die vergangene Zeit des Lebens zugebracht haben nach heidnischem Willen. – Petrus meint nicht, dass uns lediglich ein Überdruss an der Lust anwandeln soll, wie es denen zu gehen pflegt, die sich bis zur Sättigung damit erfüllt haben; vielmehr sollen die Leser durch die Erinnerung an ihr vergangenes Leben sich zu wahrer Buße treiben lassen. Sicherlich muss es für uns der schärfste Stachel sein, nunmehr den rechten Weg einzuschlagen, wenn wir bedenken, dass wir während eines großen Teils unseres Lebens den Irrweg gingen. Zudem erinnert uns Petrus, wie ungereimt es wäre, wenn wir als Leute, die von Christus erleuchtet wurden, unser Leben nicht zum Besseren wenden wollten. Die Zeiten der Unwissenheit und des Glaubens werden gegeneinandergestellt. Der Apostel will etwa sagen: Es ist billig, dass ihr euch als neue und andere Menschen darstellt, seitdem Christus euch berufen hat. Statt von der Menschen Lüsten spricht er jetzt übrigens von heidnischem Willen. Damit wirft er den Juden vor, dass sie in jeglicher Art von Befleckung sich wie Heiden gehalten hätten, obgleich sie doch der Herr abgesondert hatte. In Zukunft aber sollen sie die Laster abschütteln, die sonst Anzeichen der Blindheit und Unkenntnis Gottes bei den Menschen sind. Gewichtig ist auch die Wendung „was noch übriger Zeit im Fleisch ist.“ Sie deutet darauf hin, dass es bis ans Ende auszuharren gilt, wie auch Paulus sagt (Röm. 6.9), dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt. Denn darum sind wir vom Herrn erkauft, damit wir Ihm alle Tage unseres Lebens dienen.
Da wir wandelten in Unzucht, Lüsten, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und gräulichen Abgöttereien. – Das hier gegebene Verzeichnis ist nicht vollständig. Der Apostel rührt nur einige Dinge an, aus denen sich allgemein schließen lässt, in welcher Richtung die Begierden und Neigungen der Menschen gehen, die vom Geist Gottes nicht wiedergeboren sind. Dabei nennt er gröbere Laster, wie man zu tun pflegt, wenn man eben Beispiele vorbringt. Doch erhebt sich hier eine Frage: Petrus scheint vielen Leuten unrecht zu tun, wenn er allen Unzucht, lüsternes Treiben, Fressen und Saufen vorwirft, obwohl doch sicherlich damals nicht jedermann in diese Laster verstrickt war; wissen wir doch, dass sogar unter den Heiden viele ein ehrenhaftes Leben führten, welches über die Schande erhaben war. Aber Petrus schreibt den Heiden solche Laster auch nicht in dem Sinne zu, als wollte er jedem einzelnen alle diese Dinge vorwerfen, sondern er will zeigen, wie wir von Natur zum Bösen geneigt sind, ja, wie wir uns einem verkehrten Wesen ergeben haben, so dass notwendig die hier aufgezählten Früchte aus der bösen Wurzel erwachsen müssen. Es gibt keinen Menschen, der nicht den Samen aller Laster in seinem Herzen trüge; aber nicht alle sprossen in jedem einzelnen Menschen auf und kommen ans Tageslicht. Indessen sind die Ansteckungskeime derartig über das ganze Menschengeschlecht zerstreut und verbreitet, dass man sehen muss, wie der ganze Körper von unzähligen Übeln angefüllt ist, und wie kein Gebiet von der allgemeinen Verderbnis unberührt und frei bleibt. Noch eine andere Frage erhebt sich angesichts des letzten Stückes: Petrus spricht zu den Juden – wie kann er ihnen gräuliche Abgöttereien vorwerfen, da sie sich doch, wo immer sie sich auch aufhielten, peinlich vor dem Götzendienst hüteten? Aber wir wissen, dass trotz Israels Bekenntnis zu Gott kein Stück des Gottesdienstes unbefleckt geblieben war. Und wie groß konnte die Verwirrung bei den scharenweise in barbarischen Gegenden zerstreuten Juden sein, wenn Jerusalem selbst, von dessen Strahlen sie ihr Licht entlehnten, bis zur äußersten Stufe der Unfrömmigkeit gesunken war! Wissen wir doch, wie dort jeglicher Wahnsinn ungestraft im Schwange ging, so dass sogar das Hohepriestertum und das oberste Regiment der Gottesgemeinde in den Händen der Sadduzäer war.
Das befremdet sie, dass ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbige wüste, unordentliche Wesen, und lästern; aber sie werden Rechenschaft geben dem, der bereit ist, zu richten die Lebendigen und die Toten. – Dieser Satz soll die Gläubigen wappnen, dass sie sich nicht durch verkehrte Urteile und Reden der Gottlosen irremachen und verführen lassen. Ist es doch eine nicht geringe Versuchung, wenn die Menschen, unter denen wir uns zu bewegen haben, uns eine Lebensart vorwerfen, die von der allgemeinen Weise aller Menschen sich ganz fernhält. Man sagt etwa: Für diese Leute müsste man eine neue Welt schaffen, da sie ja mit dem Menschengeschlecht überhaupt nichts zu tun haben wollen. So klagt man die Kinder Gottes an, als ob sie eine Scheidung von der ganzen Welt anstrebten. Darum beugt der Apostel vor und sagt den Gläubigen, dass sie sich durch solche Vorwürfe und Verleumdungen nicht erschüttern lassen sollen. Die Stütze aber, die er ihnen darreicht (Vers 5), ist der Blick auf Gottes Gericht. Dies ist es ja, was uns Standhaftigkeit gegen alle Anläufe verleiht, dass wir geduldig jenem Tag entgegen harren, an welchem Christus alle strafen wird, die uns jetzt leichthin verdammen, an welchem es offenbar werden muss, dass Ihm unsere Sache wohl gefällt. Ausdrücklich aber sagt der Apostel, dass Christus bereitsteht, zu richten die Lebendigen und die Toten. Wir sollen nicht glauben, irgend geschädigt zu werden, dadurch dass jene Leute am Leben bleiben, wenn wir sterben; denn sie werden darum der Hand Gottes nicht entfliehen.