1. Johannes Kapitel 4 Teil VI

    1. Johannes 4.19-21

    Wir lieben ihn; denn er hat uns erst geliebt. So jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

    Wir lieben ihn. – Die griechische Wortform könnte auch bedeuten: „Lasset uns Ihn lieben.“ Aber die von uns gegebene Übersetzung als Aussage passt besser in den Zusammenhang. Meines Erachtens wiederholt der Apostel die vorher geäußerte Meinung: Weil Gott uns mit Seiner freien Liebe zuvorgekommen ist, so lieben wir Ihn wieder; und zwar muss Er in den Menschen geliebt werden, oder die Liebe, die wir zu Ihm haben, müssen wir den Menschen gegenüber bezeugen. Bevorzugt man die Wiedergabe in Form der Mahnung, so hat die Rede dasselbe Ziel: Weil Gott uns umsonst geliebt hat, so lasset uns Ihn wiederum lieben. Aber diese Liebe kann nicht bestehen, ohne die brüderliche Liebe unter uns zu erzeugen. Deshalb nennt der Apostel solche Leute Lügner, die sich rühmen, Gott zu lieben, während sie den Nächsten hassen. Der Grund, den er angibt, scheint aber wenig treffend zu sein. Er sagt: Wenn wir den Nächsten, mit dem wir zusammenleben, nicht lieben, so können wir Gott noch viel weniger lieben, da Er unsichtbar ist. Aber Gottes Art ist doch ganz anders als die der Menschen. Gott reißt uns zur Liebe gegen Ihn durch Seine unermessliche Güte hin; die Menschen aber sind oft hassenswert. Ich antworte: Der Apostel nimmt es hier als eingestandene Wahrheit, dass Gott uns in Menschen begegnet, die Sein Bild eingeprägt tragen, und er fordert, dass wir die Liebesdienste, deren Er selbst nicht bedarf, jenen erweisen. Sicherlich würde uns auch die Gemeinschaft an derselben Natur, der gemeinsame Gebrauch so vieler Dinge, der wechselseitige Austausch zur Liebe locken, wenn wir nicht so steinhart wären. Johannes will aber nur sagen, dass es eitle Prahlerei ist, wenn jemand behauptet, er liebe Gott, und dabei Sein Ebenbild, das er vor Augen hat, vernachlässigt.

    Und dies Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. – Ein stärkerer Grund für die Bruderliebe: Die Autorität und die Lehre Christi. Er hat uns nicht bloß die Liebe zu Gott befohlen, Er heißt uns auch die Brüder lieben. Man muss also mit der Liebe zu Gott anfangen, aber so, dass die Liebe zu den Menschen folgt.