1. Johannes Kapitel 4 Teil V

    1. Johannes 4.17-18

    Darinnen ist die Liebe völlig bei uns, dass wir eine Freudigkeit haben am Tage des Gerichts; denn gleichwie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der Liebe.

    Darinnen ist die Liebe völlig. – Diese Erörterung hat zwei Glieder, nämlich: Wir sind dann der göttlichen Annahme an Kindesstatt teilhaftig, wenn wir Gott abspiegeln wie Kinder den Vater; sodann: Diese Freudigkeit ist ein unvergleichliches Gut, so dass wir ohne sie elend sind. Der Apostel zeigt also, in welcher Absicht Gott uns in Seine Liebe aufgenommen hat, und wie wir diese Gnade erst recht genießen, die Er uns in Christus erwies. Unter Liebe ist hier die Liebe Gottes gegen uns zu verstehen. Der Apostel nennt sie „völlig“, weil sie in voller Fülle ausgegossen und fest verbürgt ist, so dass sie in allen Fällen bestehen bleibt. Übrigens betont er, dass nur solche dieses Gutes teilhaftig sind, die durch die Ähnlichkeit mit Gott sich als Seine Kinder ausweisen.

    Dass wir eine Freudigkeit haben. – Er zeigt die Frucht der göttlichen Liebe gegen uns, die er hernach noch klarer beschreibt. Es ist ein unschätzbares Glück, dass wir wagen, ohne Zittern vor Gott zu stehen. Von Natur scheuen wir den Anblick Gottes, und mit Recht. Da Er der Richter der Welt ist, uns aber unsere Sünden verurteilen, so muss mit dem Gedanken an Gott auch der Gedanke an Tod und Hölle uns in den Sinn kommen. Daher jene Angst vor Gott, so dass die Menschen Ihn so viel wie möglich fliehen. Johannes aber sagt, dass die Gläubigen nicht erschrecken, wenn sie des Jüngsten Gerichts gedenken; vielmehr treten sie ruhig und froh vor Gottes Richterstuhl, weil sie von Seiner väterlichen Liebe fest überzeugt sind. Nur der hat also Fortschritte im Glauben gemacht, der guten Mutes den Tag des Gerichts erwarten darf.

    Gleichwie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. – Diese Worte stellen nun, wie wir schon sagten, die Anforderung, dass auch wir unsererseits das Bild Gottes widerspiegeln sollen. Wie also Gott im Himmel ist, so heißt Er uns in dieser Welt sein, damit wir als Seine Kinder eingeschätzt werden können. Das Bild Gottes ist, wenn es in uns erscheint, gleichsam ein Spiegel dafür, dass Er uns zu Seinen Kindern annahm. Damit scheint aber der Apostel einen Teil der Freudigkeit auf die Werke zu stellen. Wir gestehen gern zu, dass niemand durch Christus mit Gott versöhnt wird, ohne zugleich in das Bild Gottes erneuert zu werden. Keins lässt sich von dem andern trennen. Mit Recht schließt der Apostel also alle vom Vertrauen auf Gottes Gnade aus, in denen keine Ähnlichkeit mit Gott geschaut wird. Solche sind sicher vom Geiste Gottes und von Christus weit entfernt. Wir leugnen auch nicht, dass die Neuheit des Lebens als Wirkung der göttlichen Annahme an Kindesstatt zur Stärkung des Vertrauens beiträgt, aber gleichsam als Hilfsmittel zweiten Ranges. Bei alledem müssen wir allein auf die Gnade gegründet sein. Anders kann die Lehre des Johannes nicht bestehen; denn die Erfahrung beweist und auch die Papisten geben es zu, dass der Blick auf die Werke immer Anlass zum Zittern gibt. Keiner wird jemals ruhigen Herzens dem Richterstuhl Gottes nahen, wenn es ihm nicht feststeht, dass er umsonst geliebt wird. Dass die Papisten davon nichts schmecken, darüber braucht sich keiner zu wundern, da die Elenden keinen anderen Glauben kennen als einen mit Zweifel vermischten. Wir müssen unsern Glauben allein auf Seine Gnade heften, um froh und heiter Christo entgegengehen zu können.

    Furcht ist nicht in der Liebe. – Ein Blick auf das Gegenteil rückt die Vortrefflichkeit jenes Gutes in helles Licht. Der Apostel sagt, dass wir beständig gequält werden, bis Gott uns durch das Mittel Seiner Liebe zu uns von jener elenden Qual befreit. Kurz, da es nichts Elenderes gibt, als durch beständige Unruhe gequält zu werden, so erreichen wir durch die Erkenntnis der Liebe Gottes gegen uns dies, dass wir furchtlos ruhen können. Daraus erhellt, was für eine einzigartige Wohltat Gottes es ist, uns Seiner Liebe zu würdigen. Aus dieser Lehre zieht der Apostel hernach eine Mahnung; bevor er uns aber an unsere Pflicht mahnt, empfiehlt er uns jenes Geschenk Gottes, das uns durch den Glauben die Frucht nimmt. Ich weiß, dass diese ganze Stelle von vielen anders ausgelegt wird, aber mich geht nur das an, was der Apostel will, nicht was andere denken. Jene sagen, Furcht sei nicht in der Liebe, weil wir, wo wir willig Gott lieben, nicht durch Gewalt und Furcht zum Gehorsam gegen ihn gezwungen werden. Nach ihnen wird hier die knechtische Furcht der freiwilligen Verehrung entgegengesetzt. Daher stammt auch die Unterscheidung zwischen knechtischer und kindlicher Furcht. Es ist gewiss ein richtiger Gedanke, dass die Furcht vor Strafe uns nicht mehr drängt, wenn wir Gott als Vater aus freien Stücken lieben; aber das hat mit unserer Stelle nichts zu tun. Der Apostel lehrt nur: Sobald die Liebe Gottes von uns durchschaut und durch den Glauben erkannt ist, so haben unsere Gewissen Frieden und werden nicht länger geängstigt. Man kann aber fragen, wann es eigentlich geschieht, dass völlige Liebe die Furcht austreibt. Wir sind ja nur mit einem gewissen Geschmack der göttlichen Liebe gegen uns begabt und werden niemals gänzlich von der Furcht befreit. Ich antworte: Wenn auch die Furcht nicht völlig weicht, so wird sie doch, sobald wir zu Gott unsere Zuflucht nehmen wie zu einem ruhigen und von allen Schiffbrüchen und Unwettern freien Hafen, wirklich ausgetrieben, weil sie dem Glauben Platz macht. Also wird die Furcht nicht derartig beseitigt, dass sie unsere Seele überhaupt nicht mehr beunruhigt; vielmehr so wird sie ausgetrieben, dass sie uns nicht in Verwirrung bringt und unsern Frieden nicht dauernd stört, den wir durch den Glauben haben.

    Die Furcht hat Pein. – Auch hier preist der Apostel die Größe der Gnade, von der er redet. Denn da es eine elende Lage ist, beständig Pein zu dulden, so ist nichts wünschenswerter, als mit ruhigem Gewissen und gestilltem Herzen vor das Angesicht Gottes treten zu dürfen. Wenn andere sagen: Die Sklaven fürchten sich, weil sie sich die Strafe und die Schläge vor Augen stellen, und sie tun ihre Pflicht nur gezwungen, so hat das, wie gesagt, mit der Meinung des Apostels nichts zu tun. Ebenso wenig passt es in den Zusammenhang, wenn man das nächste Satzglied folgendermaßen auslegt: Wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der Liebe, weil er sich nicht freiwillig Gott unterwirft, ja sich viel lieber von Ihm losmachen würde. Vielmehr erinnert der Apostel daran, dass es die Schuld des Unglaubens ist, wenn man sich fürchtet, das heißt, ein unruhiges Herz hat, während die wirklich erkannte Liebe Gottes die Herzen stillt.