1. Johannes 4.11-16
Ihr Lieben, hat uns Gott also geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. So wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist völlig in uns. Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und Er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat. Und wir haben gesehen und zeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat zum Heiland der Welt. Welcher nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Ihr Lieben, hat uns Gott also geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. – Der Apostel verwendet nun das, was er vorhin von der freien Liebe Gottes gesagt hat, zu seinem Zweck: Er will uns durch das Beispiel Gottes zur brüderlichen Liebe ermahnen. Auch Paulus stellt uns (Epheser 5.2) Christus als Vorbild hin, der sich dem Vater als Opfer süßen Geruchs dargeboten hat, damit ein jeder von uns sich für den Nächsten verzehre. Johannes erinnert aber, unsere Liebe dürfe nicht nach Lohn trachten; er heißt uns ja den Nächsten lieben, wie Gott uns geliebt hat. Dabei muss noch einmal daran erinnert werden, dass wir umsonst geliebt werden. Wo wir also auf unsern Vorteil blicken oder nur den Freunden Gleiches mit Gleichem vergelten, da ist sicherlich nur Selbstliebe, nicht wahre Liebe.
Niemand hat Gott jemals gesehen. – Dieselben Worte stehen im Evangelium des Johannes (1.18). Dort besagen sie, dass man Gott nicht anders zu erkennen vermag, als soweit Er sich in Christus offenbart hat. Die gleiche Lehre entfaltet der Apostel hier etwas weiter: Gottes Kraft wird von uns durch den Glauben und die Liebe gefasst, so dass wir wissen, dass wir Seine Kinder sind und Er in uns wohnt. Zunächst redet er von der Liebe, indem er sagt: Gott bleibt in uns, wenn wir uns untereinander lieben, weil dann Seine Liebe in uns völlig, das heißt, wirklich erwiesen ist. Er will andeuten, dass Gott sich gewissermaßen als gegenwärtig erweist, wenn Er durch Seinen Geist unsere Herzen zur Bruderliebe bildet. In demselben Sinne wiederholt er, was er schon einmal gesagt hatte: Wir erkennen aus dem Geist, den Gott uns gegeben hat, dass Er in uns wohnt. Dies ist die Bestätigung des vorigen Satzes, weil die Liebe die Wirkung des Geistes ist. Das ist also der Sinn: Da die Liebe aus dem Geiste Gottes stammt, so können wir die Brüder nicht in Wahrheit und mit lauterem Herzen lieben, es sei denn, dass der Geist Seine Kraft entfalte. Auf diese Weise, bezeugt er, wohne Gott in uns. Hinwiederum, wer behauptet, er habe Gott, und liebt die Brüder nicht, dessen Gehaltlosigkeit wird durch diesen einen Satz aufgedeckt, weil er Gott von sich selbst losreißt. „Liebe“ kann hier in doppeltem Sinne verstanden werden, entweder die Liebe, die wir Ihm erweisen, oder die Liebe, die Er uns einflößt. Gott hat uns Seinen Geist gegeben, und Er hat uns von Seinem Geist gegeben, das ist dasselbe.
Und wir haben gesehen. – Jetzt berührt er den zweiten Teil der Erkenntnis Gottes, nämlich dass Gott sich uns im Sohne mitteilt und darbietet. Daraus folgt, dass Er durch den Glauben von uns erfasst wird. Das ist ja des Apostels Absicht, darzutun, dass wir durch den Glauben und die Liebe so mit Gott verbunden werden, dass Er wirklich in uns wohnt und dass Er sich durch die Wirkung Seiner Kraft gewissermaßen sichtbar darstellt, da Er ja sonst nicht gesehen werden kann. Wenn er sagt: Wir haben gesehen und zeugen, so meint er damit sich und die anderen Apostel. Er denkt auch nicht an jedes beliebige Sehen, sondern an ein solches, das mit dem Glauben verbunden ist, durch den sie in Christus die Herrlichkeit Gottes erkannt haben. Es folgt ja auch: Der Vater hat den Sohn gesandt zum Heiland der Welt. Solche Erkenntnis fließt aus der Erleuchtung des Geistes.
Welcher nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. – Der Apostel wiederholt jenen Grundsatz, dass wir mit Gott vereinigt werden durch Christus; wo wir aber mit Christus verbunden sind, da bleibt Gott in uns. Glaube und Bekenntnis braucht er in demselben Sinne. Obwohl ja die Heuchler fälschlich Glauben vorgeben, so kennt der Apostel doch hier in der Reihe der Bekennenden keinen, der nicht wirklich und von Herzen glaubte. Ferner berührt er mit der kurzen Aussage, dass Jesus Gottes Sohn ist, die ganze Summe des Glaubens. Alles, was zum Heil notwendig ist, findet der Glaube in Christus. Der Zusammenhang ist übrigens der: Der Glaube an Christus bewirkt, dass Gott in den Menschen bleibt, und wir sind dieser Gnade teilhaftig. Da aber Gott Liebe ist, so kann keiner in Ihm bleiben, der nicht seine Brüder liebt. Also muss füglich die Liebe in uns herrschen, wenn Gott sich mit uns verbunden hat.
Und wir haben erkannt und geglaubt. – Das ist so viel, wie wenn er sagte: Wir haben durch den Glauben erkannt. Die Erkenntnis der Liebe, die Gott zu uns hat, wird ja nur durch den Glauben gewonnen. Wir sehen hier auch, wie der Glaube durchaus kein ungewisses und zweifelhaftes Meinen ist. Indem der Apostel nun den vorangehenden, allgemeinen Satz („welcher bekennt“) persönlich auf die Leser anwendet („wir haben erkannt“), so drückt er doch den Inhalt des Glaubens verschieden aus. Vorhin hatte er gesagt: Wer da glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist; jetzt aber sagt er: Wir haben geglaubt die Liebe Gottes gegen uns. Daraus erhellt, dass die väterliche Liebe Gottes nur in Christus ergriffen wird und dass nur die etwas Festes an Christus haben, die sich durch Seine Gnade als Kinder Gottes erkennen. Deshalb stellt der Vater Seinen Sohn täglich in unsere Mitte, um in Ihm uns als Kinder anzunehmen.
Gott ist Liebe. – Das ist gleichsam der Untersatz einer Schlussfolge: Durch den Glauben wohnt Gott in uns; Gott aber ist Liebe; wo also Gott bleibt, da muss zugleich die Liebe blühen. Daraus folgt, dass die Liebe notwendig mit dem Glauben verbunden ist.