1. Johannes 4.4-6
Kindlein, ihr seid von Gott und habt jene überwunden; denn der in euch ist, ist größer, denn der in der Welt ist. Sie sind von der Welt; darum reden sie von der Welt; und die Welt hört sie. Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; welcher nicht von Gott ist, der hört uns nicht. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.
Ihr seid von Gott. – Der Apostel hatte von einem Widerchristen geredet; jetzt erwähnt er mehrere. Indessen bezieht sich die Mehrzahl: Ihr habt „jene“ überwunden auf die falschen Propheten, die schon damals aufgetaucht waren, bevor ihr Haupt auftrat. Die Absicht des Apostels ist, den Gläubigen Mut zu machen, tapfer und unerschrocken den Betrügern zu widerstehen. Die Kampfeslust schwindet bedeutend, wenn der Ausgang zweifelhaft ist. Ferner konnte es den Guten Angst einjagen, dass sie gleich nach der Gründung des Reiches Christi die Feinde in Schlachtordnung dastehen sahen, um es zu unterdrücken. Wenn daher auch noch gekämpft werden muss, so sagt der Apostel doch: Ihr habt bereits überwunden – weil ein glücklicher Ausgang sicher ist! Es ist, als wollte er sagen: Ihr seid mitten in der Schlacht schon außer Gefahr, weil ihr Sieger sein werdet. Diese Lehre muss noch weiter ausgeführt werden: Jeder Streit, den wir gegen die Welt und das Fleisch aufnehmen, ist mit sicherem Siege verbunden. Für uns bleiben zwar harte und heftige Kämpfe, und einer folgt dem andern, aber wir sind doch Sieger im Kämpfen und im Arbeiten, weil wir in Christi Kraft kämpfen, ausgerüstet mit Gottes Waffen. Was die Besonderheit dieser Stelle angeht, so ist es ein ausgezeichneter Trost, dass wir in der Wahrheit Gottes stehen bleiben werden, mit was für Listen auch der Satan uns angreift. Indessen ist auch der Grund zu beachten, der sofort angegeben wird: Der in euch ist, ist größer, das heißt stärker, denn der in der Welt ist. Unsere Schwäche ist derart, dass wir unterliegen müssen, bevor wir mit dem Feinde handgemein geworden sind. Wir sind mit Unwissenheit umfangen und deshalb allen Betrügereien ausgesetzt; Satan aber ist ein wunderbarer Künstler im Betrügen. Wenn wir auch einen Tag standhalten würden, so würde doch der Zweifel unsere Seele beschleichen: Wie wird es morgen sein? – Wir würden beständig in Angst sein! Deshalb erinnert der Apostel, dass wir nicht aus eigener, sondern aus Gottes Kraft stark sind. Daraus schließt er, dass wir so wenig besiegt werden können wie Gott, der uns mit Seiner Kraft bis ans Ende der Welt ausgerüstet hat. Bei unserm ganzen geistlichen Streit muss der Gedanke sich unseren Herzen einprägen: Es ist erst dann um uns geschehen, wenn wir bloß mit unseren Kräften kämpfen müssen; weil aber Gott die Feinde vertreibt, während wir ruhen, so ist der Sieg unzweifelhaft!
Sie sind von der Welt. – Das ist kein geringer Trost, dass Leute, die Gott in uns anzugreifen wagen, nur mit den Waffen der Welt ausgerüstet sind. Unter „Welt“ versteht der Apostel die Welt, sofern Satan ihr Fürst ist. Zugleich wird ein anderer Trost hinzugefügt, indem er erklärt, dass die Welt die falschen Propheten ins Herz schließe, weil sie dieselben als die ihrigen erkennt. Wir sehen, wie groß die Neigung des Menschen zum Eitlen ist. Falsche Lehrer dringen sogleich leicht vor und verbreiten sich weit und breit. Der Apostel sagt, es sei kein Grund vorhanden, dass wir deshalb verwirrt werden müssten. Denn es ist nichts Neues oder Ungewohntes, wenn die Welt, die ganz verlogen ist, gern die Lüge hört.
Wir sind von Gott. – Obwohl das in Wahrheit von allen Gläubigen gilt, so bezieht es sich doch besonders auf die treuen Diener des Evangeliums. Der Apostel rühmt hier in der Freudigkeit des Geistes, dass er und seine Amtsgenossen in Lauterkeit Gott dienen und von Ihm nehmen, was sie weitergeben. Dasselbe werden die falschen Apostel rühmen, wie sie die Gewohnheit haben, unter der Maske Gottes zu täuschen; aber die treuen Lehrer unterscheiden sich sehr von ihnen, weil sie nichts mit Worten von sich sagen, was sie nicht auch durch die Tat beweisen. Man muss aber immer im Gedächtnis behalten, welchen Gegenstand der Apostel hier behandelt. Klein war die Zahl der Frommen; der Unglaube beherrschte fast alles; wenige hingen dem Evangelium wirklich an; der größere Teil neigte den Irrlehren zu. Hier war Anlass zum Ärgernis; um diesem zu begegnen, heißt Johannes uns zufrieden sein mit jener kleinen Zahl der Gläubigen, weil alle, die Kinder Gottes sind, Ihm die Ehre geben und sich Seiner Lehre unterwerfen werden. Das Gegenteil fügt er sogleich hinzu: Welcher nicht von Gott ist, der hört uns nicht. Er gibt damit zu verstehen, dass jene große Schar, der das Evangelium nicht schmeckt, deshalb nicht auf die rechten und rechtmäßigen Knechte Gottes hört, weil sie Gott selbst entfremdet ist; die Geltung des Evangeliums wird nicht im Geringsten vermindert, weil es von vielen verschmäht wird. Dieser Lehre ist eine nützliche Mahnung angehängt, nämlich dass wir durch den Gehorsam des Glaubens dartun sollen, dass wir aus Gott sind. Nichts ist leichter als sich rühmen, man sei aus Gott; deshalb ist auch nichts unter den Menschen üblicher. So geben sich Papisten heutzutage stolz als Verehrer Gottes aus; dabei verschmähen sie nicht weniger stolz das Wort Gottes. Obwohl sie sich stellen, als glaubten sie dem Worte Gottes, so haben sie doch verschlossene Ohren, sobald es drauf und dran kommt. Und doch ist es das einzige Zeugnis der Gottesfurcht, dass man Sein Wort verehre. Auch die Entschuldigung, die von vielen vorgebracht zu werden pflegt, nämlich sie meiden deshalb die Lehre des Evangeliums, wenn es ihnen vorgelegt wird, weil sie zur Beurteilung ungeschickt seien, ist nicht stichhaltig. Jeder, der Gott von Herzen fürchtet und Ihm folgt, der muss Ihn notwendig in Seinem Wort erkennen. Wenn jemand entgegnet, dass viele von den Auserwählten dem Glauben nicht sogleich beitreten, ja sich im Anfang heftig sträuben, so erwidere ich, dass man sie zu der Zeit, wie mich dünkt, noch nicht zu den Kindern Gottes zählen darf. Übrigens ist dies das Kennzeichen eines verworfenen Menschen, dass die Wahrheit hartnäckig von ihm verworfen wird. Ferner ist auch zu bemerken, dass jenes „hören“, von welchem der Apostel spricht, von dem innerlichen und ernsthaften Hören des Herzens, das im Glauben besteht, zu verstehen ist.
Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums. – Das Wort „daran“ umfasst die beiden vorigen Glieder. Die Meinung ist etwa: Daran wird die Wahrheit von der Lüge unterschieden, dass die einen aus Gott, die andern aus der Welt reden. Unzulässig aber scheint es mir, unter dem Geist der Wahrheit und dem Geist des Irrtums die Hörer zu verstehen, in dem Sinne: Die sich den Betrügern überliefern und sich von ihnen täuschen lassen, die seien zum Irrtum geboren und hätten den Samen der Lüge in sich; die aber dem Worte Gottes beistimmen, erwiesen sich durch dies Kennzeichen als wahrhaftig. Denn da der Apostel als „Geister“ hier die Lehrer und Propheten bezeichnet, so glaube ich, dass er nichts anderes will, als die Prüfung der Lehre auf diese zwei Punkte stellen, ob sie aus Gott oder aus der Welt ist. Er scheint aber damit nichts zu sagen. Denn alle werden sofort behaupten, dass sie nur aus Gott reden. So rühmen heute die Papisten mit großem Stolz, dass alle ihre Erdichtungen Aussprüche des Geistes seien. Auch Mohammed verkündet, dass er seine Torheiten nirgends anders her als aus dem Himmel geschöpft habe. Ja, sogar die Ägypter logen, jene widerwärtigen Albernheiten, durch die sie sich und andere betörten, seien ihnen einst göttliche geoffenbart worden. Ich antworte aber: Wir haben das Wort des Herrn, das in erster Linie zu Rate zu ziehen ist. Da also die trügerischen Geister den Namen Gottes vorschützen, so ziemt es sich, in der Schrift nachzuforschen, ob es sich so verhalte. Es muss von uns nur ein frommes Studium angewandt werden mit Demut und Bescheidenheit, so wird sich der Geist der Unterscheidung einstellen, der sich dann als ein zuverlässiger Ausleger, als derselbe, der in der Schrift redet, ausweist.