1. Johannes 4.1-3
Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeglichen Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viel falscher Propheten ausgegangen in die Welt. Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: ein jeglicher Geist, der da bekennt, dass Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist von Gott; und ein jeglicher Geist, der nicht bekennt, dass Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Widerchrists, von welchem ihr habt gehört, dass er kommen werde, und ist jetzt schon in der Welt.
Die Rede kehrt zu der vorigen Rede zurück, die schon im zweiten Kapitel berührt wurde. Viele nämlich missbrauchten, wie es bei etwas Neuem zu geschehen pflegt, den Namen Christi, um ihre Irrlehren auszustreuen. Andere bekannten sich halb und halb zu Christus; da sie aber zu der Gemeinde gehörten, waren sie umso schädlicher. Besonders suchte der Satan an Christus selbst Stoff zu gewinnen, um die Kirche zu verwirren. Er ist ja der Stein des Anstoßes, an dem sich alle stoßen müssen, die den geraden Weg, wie er uns von Gott gezeigt ist, nicht innehalten. Diese ganze Auseinandersetzung des Apostels besteht aus drei Teilen. Im ersten zeigt er das Übel, von welchem den Gläubigen Gefahr droht, und mahnt sie deshalb, sich zu hüten. Im zweiten schreibt er ihnen vor, wie sie sich hüten sollen, nämlich dadurch, dass sie die Geister prüfen. Endlich bezeichnet er eine besondere Art, von der ihnen am meisten Gefahr droht. Er warnt sie, auf die zu hören, die leugnen, dass der Sohn Gottes im Fleisch erschienen sei. Nun wollen wir das einzelne der Reihe nach behandeln.
Im Text steht der Satz, dass viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen sind, nicht an erster Stelle, aber es ist doch praktisch, damit den Anfang zu machen. Es enthält dieser Satz eine nützliche Mahnung: Der Satan hat schon damals viele angetrieben, unter dem Namen Christi ihre Betrügereien auszustreuen, und deshalb darf uns heute etwas Ähnliches nicht verwirren. Das ist eben die beständige Lage des Evangeliums, dass der Satan versucht, seine Reinheit durch allerhand Irrlehren zu beflecken und zu verderben. Dieses unser Jahrhundert hat schreckliche und ungeheuerliche Sekten hervorgebracht. Deshalb bleiben viele wie betäubt hängen und werfen alle Sorge für die Frömmigkeit weg, da sie nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Sie finden keinen besseren Weg, sich aus der Gefahr der Irrlehren herauszuwinden. Das ist durchaus töricht; indem sie das Licht der Wahrheit fliehen, stürzen sie sich in die Finsternis der Irrlehren. Darum wollen wir uns tief einprägen: sobald das Evangelium anfing, ausgebreitet zu werden, sind auch sofort falsche Propheten aufgestanden. Diese Lehre wird uns gegen jenes Ärgernis schützen. Sehr viele hält das Alter der Irrlehren wie gebunden fest, dass sie nicht wagen, aus ihnen emporzutauchen. Der Apostel beschreibt hier ein inneres Übel der Kirche. Wenn also schon damals sich Betrüger unter die Apostel und andere treue Lehrer gemischt haben, was Wunder, wenn jetzt so viele Verderbnisse in der Welt umherschwirren, wo die Lehre des Evangeliums so lange unterdrückt war. Es ist also nicht so, dass uns das Alter der Irrlehren hindern müsste, die Wahrheit frei von der Lüge zu scheiden.
Glaubt nicht einem jeglichen Geist. – Viele, wie gesagt, treten erschrocken vom Evangelium ab, weil die Kirche durch Uneinigkeit und Kampf erschüttert wird. Der Geist aber schreibt ein ganz anderes Mittel vor; nämlich die Gläubigen sollen nicht leichtsinnig und ohne Wahl jede Lehre aufnehmen. Man muss sich also hüten, dass man nicht, durch die Mannigfaltigkeit der Meinungen geärgert, dem Worte Gottes zugleich mit den Lehrern den Abschied gebe. Es muss das Auskunftsmittel genügen, dass man nicht auf alle ohne Unterschied höre. Unter dem Ausdruck „Geist“ verstehe ich einen Menschen, der sich rühmt, mit der Gabe des Geistes ausgerüstet zu sein zur Verwaltung des Prophetenamtes. Denn da niemand in seinem eigenen Namen reden darf, darf man solchen, die reden, auch nur so weit Glauben schenken, als sie Werkzeuge des Heiligen Geistes sind. Damit deshalb die Propheten mehr Ansehen hätten, hat Gott selbst sie mit diesem Worte „Geist“ geschmückt, als wollte Er sie aus der Zahl der gewöhnlichen Menschen herausnehmen. „Geister“ wurden also solche Männer genannt, die ihre Zunge den Aussprüchen des Heiligen Geistes darboten, nichts aus ihrem eigenen Geist hervorbrachten und nicht im eigenen Namen auftraten. Dieser Ehrentitel zielte aber darauf, dass das Wort Gottes nichts an Verehrung verliere durch die Verachtung des Dieners. Denn Gott wollte allezeit, dass Sein Wort aus Menschenmund ebenso aufgenommen werde, als wenn Er selbst offenbar vom Himmel her erschienen wäre. Hier schlich sich Satan ein; wie er falsche Lehrer unterschob, um das Wort Gottes zu fälschen, so legte er ihnen auch einen Namen bei, unter dem sie besser betrügen konnten. So haben sich die falschen Propheten immer ernstlich und mit vollen Backen alle Ehre angemaßt, die Gott auf Seine Knechte gelegt hatte. Der Apostel scheint aber absichtlich diesen Ausdruck „Geist“ gebraucht zu haben, damit solche, die fälschlich den Namen Gottes verwenden, uns nicht durch ihre Maske täuschen möchten. So sehen wir ja auch heute, dass sehr viele durch den bloßen Titel „Kirche“ kopfscheu gemacht werden. Sie wollen sich lieber dem Papst zu ihrem ewigen Verderben anschließen, als ihm irgendetwas, und sei es auch noch so wenig, von seinem Ansehen entziehen. Dieses Zugeständnis ist also zu merken. Der Apostel konnte ja sagen, man müsse nicht jedem Menschen glauben; da aber die falschen Lehrer den Titel „Geist“ erlogen, so lässt er ihnen diesen. Aber er erinnert zugleich, dieser Titel sei abgeschmackt und läppisch, wenn sie nicht durch die Tat selbst sich als das auswiesen, wofür sie sich ausgeben. Die aber, sagt er, sind töricht, die, durch den bloßen Klang eines ehrenvollen Titels bezaubert, der Sache selbst nachzuforschen nicht wagen.
Prüft die Geister. – Weil nicht alle Prophetie wahr ist, so betont der Apostel hier, man müsse sie einer Prüfung unterwerfen. Er redet dabei nicht nur den ganzen Leib der Kirche an, sondern auch die einzelnen Gläubigen. Aber es fragt sich, woher wir diese Unterscheidung gewinnen sollen. Wenn man antwortet, das Wort Gottes sei die Richtschnur, nach der alles untersucht werden müsse, was die Menschen vorbringen, so sagt man wohl etwas, aber nicht alles. Ich gebe zu, dass die Lehren am Worte Gottes zu prüfen sind; wenn aber der Geist des Verstandes nicht dabei ist, so wird es nichts oder wenig nützen, das Wort Gottes zur Hand zu haben, dessen Auslegung uns nicht feststeht. So wird zum Beispiel das Gold durch das Feuer oder durch einen Prüfstein geprüft, aber nur von denen, welche die Kunst verstehen. Unkundige wissen nicht, wie sie es anfangen sollen. Um also rechte Richter zu sein, müssen wir mit dem Geist der Unterscheidung begabt sein und von ihm geleitet werden. Der Apostel würde uns dies aber vergeblich vorschreiben, wenn die Fähigkeit zu urteilen nicht vorhanden wäre. Darum ist festzustellen, dass die Frommen niemals vom Geist des Verstandes verlassen sein werden, soweit es nötig ist, wenn sie ihn nur vom Herrn erbitten. Aber nur dann wird uns der Geist zur wahren Unterscheidung führen, wenn wir alle unsere Sinne dem Worte unterwerfen. Dasselbe ist uns, wie man gesagt hat, ein Probierstein; ja es soll uns viel mehr sein, da alle Lehre, die als rechtmäßig gelten will, aus ihm geschöpft werden muss. Aber hier entsteht eine schwierige Frage: Wenn bei den einzelnen das Recht und die Entscheidung liegen, so wird niemals etwas Gewisses festgesetzt werden können, ja, die ganze Religion wird ins Schwanken geraten. Ich antworte: Die Prüfung der Lehre ist eine doppelte, eine private und eine öffentliche. Eine private, vermöge deren ein jeder seinen Glauben festmacht, so dass er sicher auf der Lehre ruht, von der er weiß, dass sie von Gott ausgegangen ist. Denn nur in Gott werden die Gewissen eine sichere und ruhige Stellung finden. Die öffentliche Prüfung zielt auf die allgemeine Übereinstimmung und die Regierung der Kirche. Es ist Gefahr, dass sich Schwärmer erheben, die sich dreist rühmen, mit dem Geiste Gottes begabt zu sein. Daher ist dies Hilfsmittel notwendig, dass die Gläubigen zusammenkommen und den Weg einer frommen und reinen Übereinstimmung suchen. Da übrigens jenes alte Sprichwort: „So viel Köpfe, so viele Sinne“ nur allzu wahr ist, so ist es sicher ein einzigartiges Werk Gottes, wenn Er bewirkt, dass wir alle Hartnäckigkeit zähmen, dasselbe meinen und zu einer reinen Glaubenseinheit zusammenwachsen. Dass aber die Papisten unter diesem Vorwande alles, was jemals auf Konzilen beschlossen worden ist, für sichere Gottessprüche gehalten wissen wollen, weil ja die Kirche einmal bestimmt hat, es stamme von Gott, das ist allzu töricht. Der ordentliche Weg, eine Übereinstimmung zu suchen, ist allerdings der, ein frommes und heiliges Konzil zusammenzurufen, wo die Streitpunkte aus dem Worte Gottes entschieden werden. Aber Gott hat uns doch niemals an die Beschlüsse eines beliebigen Konzils gebunden. Wenn hundert und mehr Bischöfe an einem Ort zusammengekommen sind, so folgt daraus doch noch nicht sofort, dass sie Gott recht angerufen und aus Seinem Munde erkundet haben, was wahr ist. Nichts ist ja klarer, als dass sie oft von dem lauteren Wort Gottes abgewichen sind. Also muss auch hier die Prüfung bleiben, die der Apostel vorschreibt, nämlich dass wir die Geister prüfen.
Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: ein jeglicher Geist, der da bekennt, dass Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist von Gott; und ein jeglicher Geist, der nicht bekennt, dass Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist nicht von Gott. – Der Apostel fügt ein besonderes Kennzeichen hinzu, durch das man die wahren Propheten besser von den falschen unterscheiden kann, obwohl er hier nur wiederholt, was wir schon hörten, dass nämlich Christus die Klippe ist, an der alle Ketzer scheitern, wie Er das Ziel ist, in dem der rechte Glaube gipfelt. Solange wir also in Christus bleiben, ist die Sache gut, sobald man aber von Ihm abweicht, geht der Glaube zugrunde und ist aller Wahrheit entleert. Lasst uns übrigens daran denken, was dies Bekenntnis enthält. Wenn der Apostel sagt: Christus ist gekommen, so schließen wir daraus, dass Er vorher beim Vater war. Dadurch wird Seine ewige Gottheit aufgezeigt. Wenn er sagt, Er sei im Fleisch gekommen, so deutet er an, dass Er durch die Fleischwerdung ein wahrer Mensch wurde, von derselben Natur wie wir, um unser Bruder zu sein, abgesehen davon, dass Er von aller Sünde und Verderbtheit frei geblieben ist. Endlich wollen wir auch den Grund Seines Kommens ins Auge fassen, denn Er ist nicht umsonst vom Vater gesandt worden. Davon hängt das Amt und die Bedeutung Christi ab. Wie nun die alten Ketzer von diesem Glauben abgefallen sind, indem sie teils die göttliche Natur Christi, teils Seine menschliche leugneten, so halten auch heute die Papisten, wenn sie auch Christus als Gott und Mensch bekennen, doch dies Bekenntnis, welches der Apostel fordert, keineswegs fest; denn sie berauben Christus Seiner Kraft. Da sie ihren freien Willen, das Verdienst der Werke, ihre erdichteten Kulte, die Genugtuungen, die Fürbitten der Heiligen festhalten, was bleibt da für Christus noch übrig? Das also meint der Apostel: Weil die Erkenntnis Christi die Summe der Lehre zur Gottseligkeit in sich fasst, so muss man die Augen immer auf sie richten, damit wir nicht straucheln. Sicher ist Christus das Ende des Gesetzes und der Propheten. Aus dem Evangelium lernen wir nichts anderes als Seine Kraft und Gnade.
Und das ist der Geist des Widerchrists. – Der Apostel hat dies hinzugefügt, um die Betrügereien, die uns von Christus abziehen, als recht verabscheuungswürdig hinzustellen. Wir haben ja gesagt, dass die Lehre vom Reich des Antichrists sehr viel behandelt worden ist, damit die Gläubigen sich recht in Acht nähmen; sie waren ja in Betreff der künftigen Verwirrung der Kirche gewarnt. Mit Recht verabscheuten sie also jenen Namen als einen verrufenen und verhängnisvollen. Nun sagt der Apostel: Alle die sind Glieder Seines Reiches, die Christus herabsetzen. Dass aber der Geist des Widerchrists kommen werde und dass er jetzt schon in der Welt sei, sagt er in einem verschiedenen Sinne. Er meint nämlich, er sei schon damals in der Welt gewesen, weil sich das Geheimnis seiner Bosheit regte. Weil aber die Wahrheit Gottes noch nicht durch falsche und gefälschte Lehrsätze unterdrückt war, weil die Gottesverehrung noch nicht verderbt war und der Aberglaube noch nicht die Oberhand gewonnen hatte, weil die Welt noch nicht in ruchloser Untreue von Christus abgefallen war, weil die Tyrannei wider das Reich Christi noch nicht öffentlich aufgetreten war, darum sagt er, er werde noch kommen.