1. Johannes Kapitel 3 Teil II

    1. Johannes 3.4-6

    Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass Er ist erschienen, auf dass er unsere Sünden wegnähme, und ist keine Sünde in ihm. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer da sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt.

    Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. – Schon weiter oben hat der Apostel gezeigt, wie undankbar wir gegen Gott sind, wenn wir die Ehre der Kindschaft geringschätzen, mit der Er uns aus freien Stücken zuvorkam, und Ihm nicht mit gleicher Liebe vergelten. Zugleich hat er jene Ermahnung eingeschoben, unser Gefühl dürfe nicht erkalten, weil die verheißene Seligkeit noch aufgeschoben wird. Nun aber, da die Menschen das Böse bei sich, mehr als recht ist, milde zu beurteilen pflegen, so setzt er diese falsche Nachsicht zurecht und sagt: Die sind ungerecht und Übertreter des Gesetzes, die sündigen. Es ist glaubhaft, dass es damals solche gegeben hat, die durch derartige Entschuldigungen ihre Sünden verkleinerten: Es ist nicht wunderbar, wenn wir sündigen, weil wir Menschen sind, aber es ist ein großer Unterschied zwischen Sünde und Unrecht. Diese frivole Entschuldigung nimmt ihnen der Apostel, indem er sagt: Sünde ist Übertretung des göttlichen Gesetzes. Seine Absicht ist, Hass und Abscheu gegen die Sünde einzuflößen. „Sünde“ scheint manchem etwas Geringfügiges zu sein; Unrecht aber oder Übertretung des Gesetzes kann nicht so leicht verziehen werden. Übrigens macht der Apostel die Sünden nicht gleich, wenn er alle der Ungerechtigkeit zeiht, die sündigen; vielmehr will er einfach lehren, dass die Sünde aus der Verachtung Gottes geboren wird, und dass man durch Sündigen die Gerechtigkeit des Gesetzes verletzt. Ferner bedeutet „sündigen“ hier nicht, dass man in irgendeinem Werke etwas versieht, noch wird der Ausdruck „Sünde“ für einzelne Vergehen gebraucht. Vielmehr ist von „Sünde“ in dem Sinne die Rede, dass die Menschen mit Eifer auf das Böse sich stürzen. Es schweben dem Apostel Leute vor, die sich der Sünde ganz und gar ergeben haben. Denn die Gläubigen, die noch an den Lüsten des Fleisches leiden, werden nicht als Ungerechte eingeschätzt, obwohl sie nicht rein und frei von Sünden sind; aber, weil die Sünde in ihnen nicht herrscht, so sagt Johannes, dass sie nicht sündigen, wie ich gleich weiter ausführen werde. Alles in allem besagt unser Spruch, dass das verkehrte Leben von Leuten, die ihrer Sünde die Zügel schießen lassen, dem Herrn verhasst ist und von Ihm nicht geduldet werden kann, da es Seinem Gesetze zuwider ist. Daraus folgt nicht und kann nicht geschlossen werden, dass die Gläubigen ungerecht sind; denn sie begehren ja, Gott untertan zu sein, und haben Missfallen an sich in ihren Sünden und an ihren eigenen Vergehen, wollen auch ihr Leben, soviel sie können, zum Gehorsam gegen das Gesetz einrichten. Wo aber der entschiedene Wille zum Sündigen ist und fortwährend gesündigt wird, da ist Übertretung des Gesetzes.

    Er ist erschienen, auf dass er unsere Sünden wegnähme. – Der Apostel beweist nun durch einen anderen Grund, wie sehr Sünde und Glaube miteinander im Zwiespalt stehen. Christi Werk ist ja, die Sünden wegzunehmen, und zu diesem Zweck ist Er vom Vater gesandt. Durch den Glauben aber empfangen wir Christi Kraft. Also muss, wer an Christus glaubt, von Sünden gereinigt werden. Wenn übrigens anderswo (Johannes 1.29) gesagt wird, Christus trage oder nehme die Sünden weg, weil Er sie durch das Opfer Seines Todes gesühnt hat, dass sie uns bei Gott nicht angerechnet werden, so meint Johannes hier, dass Christus in Wirklichkeit die Sünden wegnehme, da durch Ihn unser alter Mensch gekreuzigt wird und Sein Geist durch die Reue unser Fleisch samt seinen verkehrten Lüsten tötet. Denn der Zusammenhang duldet nicht, dass man das „wegnehmen“ als Vergebung auslege. Denn es soll ja folgender Schluss gezogen werden: Leute, die nicht aufhören zu sündigen, machen Christi Wohltat unwirksam, da Er ja dazu gekommen ist, dass Er das Reich der Sünde zerstöre. Das aber bezieht sich auf die Heiligung durch den Geist.

    Und ist keine Sünde in ihm. – Diese Aussage gilt nicht bloß von Christus persönlich, sondern von Seinem ganzen Leibe. Wohin Christus Seine Kraft ergießt, da kann kein Raum mehr für die Sünde sein. So ergibt sich sofort der Schluss (Vers 6): Wer in ihm bleibt, sündigt nicht. Denn wenn Christus durch den Glauben in uns wohnt, so vollendet Er Sein Werk, dass Er uns von Sünden reinigt. Daraus erhellt, was „sündigen“ ist. Christus erneuert uns ja nicht durch Seinen Geist an einem Tage oder in einem Augenblick, vielmehr setzt Er die teilweise angefangene Erneuerung das ganze Leben hindurch fort. Die Gläubigen werden daher immer der Sünde schuldig sein, solange sie in der Welt leben; soweit aber Christi Herrschaft in ihnen lebt, ist die Sünde vernichtet. Inzwischen werden sie nach der Hauptsache beurteilt, das heißt, es wird gesagt: Sie sind gerecht und leben gerecht, weil sie mit lauterer Herzensneigung nach der Gerechtigkeit trachten. Es wird gesagt: Sie sündigen nicht, weil sie, obwohl sie wegen der Schwachheit des Fleisches straucheln, doch in die Sünde nicht einwilligen, vielmehr über sie seufzen und wider sie kämpfen, so dass sie in Wahrheit mit Paulus (Römer 7.19) bezeugen können: Wir tun das Böse, das wir nicht wollen. Dass die Gläubigen in Christus „bleiben“, kann gesagt werden, weil wir durch den Glauben in Ihn gepflanzt und mit Ihm eins gemacht sind.

    Wer da sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt. – Nach seiner Gewohnheit fügt der Apostel das entgegengesetzte Glied hinzu, damit wir wissen, dass man Glauben und Erkenntnis Christi fälschlich vorwendet, wo keine Neuheit des Lebens ist. Denn Christus ist nirgends müßig, wo Er herrscht, vielmehr offenbart der Geist Seine Macht. Sein Hauptwerk ist, die Sünde in die Flucht zu schlagen, gerade wie die Sonne durch ihren Glanz die Finsternis zerstreut. Wiederum werden wir an dieser Stelle belehrt, eine wie lebendige und wirksame Sache die Erkenntnis Christi ist, denn sie bildet uns in Sein Bild um.