1. Johannes Kapitel 3 Teil I

    1. Johannes 3.1-3

    Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, dass wir Gottes Kinder sollen heißen! Darum kennt euch die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn er erscheinen wird, dass wir ihm ähnlich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeglicher, der solche Hoffnung hat zu ihm, der reinigt sich, gleichwie Er auch rein ist.

    Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, dass wir Gottes Kinder sollen heißen! – Ein zweiter Grund dafür, dass wir nach einem heiligen und reinen Leben streben müssen, hergenommen von der Erhabenheit und Vortrefflichkeit unserer Berufung. Der himmlische Vater hat uns keiner gewöhnlichen Ehre gewürdigt, als Er uns zu Kindern annahm. Diese so große Gnade muss das Streben nach Reinheit in uns anzünden, dass wir Ihm ähnlich seien. Und es ist unmöglich, dass der sich nicht reinigt, der sich als eins der Kinder Gottes erkennt. Damit die Mahnung mehr Gewicht habe, stellt der Apostel die Gnade Gottes in ihrer ganzen Größe hin. Denn dass der Vater uns Liebe erzeigt hat, deutet an, dass es reine, freie Gunst ist, wenn Gott uns als Kinder ansieht. Woher anders soll uns so große Würde kommen als aus der Liebe Gottes? Johannes preist die Liebe als eine freie. Kurz, er deutet an, je reicher Gottes Güte über uns ausgegossen ist, umso mehr seien wir Ihm verpflichtet, wie auch Paulus die Römer (12.2) bei der Barmherzigkeit Gottes beschwört, dass sie sich Ihm als reine Opfer darstellen sollten. Wir werden auch belehrt, dass die Annahme an Kindesstatt aller Frommen, wie gesagt, eine freie ist und nicht von irgendwelcher Rücksicht auf Werke abhängt. Denn wenn die Sophisten sagen, dass die angenommen werden, die Gott als würdig vorausgesehen hat, so wird dies offenbar durch diese Worte widerlegt. Auf diese Weise wäre es kein freies Gnadengeschenk. Dies Kapitel der Lehre festzuhalten, ist besonderer Mühe wert. Denn da die Annahme an Kindesstatt die einzige Ursache unseres Heils ist und der Apostel bezeugt, sie fließe einzig und allein aus der Liebe Gottes, so bleibt hier nichts übrig für unsere Würdigkeit oder für Verdienst der Werke. Warum sind wir Kinder? Weil Gott anfing, uns umsonst zu lieben, da wir viel eher des Hasses als der Liebe wert sind. Da aber der Geist das Pfand unserer Kindschaft ist, so folgt daraus, dass wir das Gute, das etwa in uns ist, nicht der Gnade Gottes gegenüberstellen dürfen, sondern es im Gegenteil auf ihre Rechnung setzen müssen. Dass wir Gottes Kinder heißen sollen, ist übrigens kein leerer Titel. Denn Gott ist es, der uns mit Seinem Munde zu Kindern erklärt.

    Darum kennt euch die Welt nicht. – Diese Versuchung greift den Glauben hart an, nämlich dass wir so wenig für Kinder Gottes gehalten werden und dass man so gar kein Kennzeichen einer solchen Herrlichkeit an uns erblickt, dass wir vielmehr fast der ganzen Welt zum Gespött dienen. Also aus dem gegenwärtigen Zustand kann kaum geschlossen werden, dass Gott unser Vater ist; auch setzt der Teufel alles in Bewegung, um diese Wohltat zu verdunkeln. Diesem Ärgernis hilft Johannes ab, indem er sagt: Wir werden heute noch nicht als die anerkannt, die wir sind, weil die Welt Gott nicht erkennt; so ist es nicht wunderbar, wenn sie Seine Kinder verachtet. Ein Beispiel dafür sind Isaak und Jakob. Beide waren von Gott erwählt; aber den einen verfolgte Ismael mit seinem Lachen und seinen Spöttereien und den andern Esau mit seinen Drohungen und mit dem Schwert. Mögen wir also in der Welt wie völlig unterdrückt erscheinen, so steht nichtsdestoweniger unser Heil fest und unversehrt.

    Wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. – Obwohl die Gottlosen uns nicht verführen können, die Hoffnung wegzuwerfen, so ist unsere gegenwärtige Lage dennoch weit entfernt von der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Was unsern Leib angeht, so sind wir Staub und Asche; der Tod schwebt uns immer vor Augen; unter tausend Sorgen sind wir verhaftet; die Seele ist unzähligen Übeln unterworfen; so finden wir in uns immer die Hölle. Umso mehr ist es nötig, alle unsere Sinne von dem Anblick der gegenwärtigen Lage abzuziehen, damit nicht das Elend, von dem wir von allen Seiten umgeben, ja fast verschüttet sind, die Zuversicht auf das Glück, das jetzt noch verborgen ist, in uns erschüttere. Das ist nämlich die Absicht des Apostels, uns zu sagen: Ihr handelt verkehrt, wenn ihr nach der gegenwärtigen Lage beurteilt, was Gott euch geschenkt hat, vielmehr müsst ihr mit ungezweifeltem Glauben festhalten, was noch nicht erschienen ist.

    Wir wissen aber, wenn er erscheinen wird, dass wir ihm ähnlich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. – Das Wort „erscheinen“ wird hier in anderem Sinne als vorher gebraucht. Vorhin hat der Apostel gesagt, es sei noch nicht erschienen, was wir sein werden, weil die Frucht unserer Annahme an Kindesstatt verborgen ist. Unser Glück ist ja im Himmel, wir aber pilgern fern davon auf der Erde; dies Leben ist hinfällig und stets tausendfach dem Tod unterworfen. Es ist also weit entfernt von der ewigen Herrlichkeit, die den Kindern Gottes ziemt, weil wir in das Zuchthaus des Fleisches wie Sklaven eingeschlossen und so weit entfernt sind von der freien Herrschaft über Himmel und Erde. Jetzt aber bezieht sich das Wort „erscheinen“ auf Christus in demselben Sinne, wie auch Paulus sagt (Kolosser 3.3): „Euer Leben ist mit Christus verborgen; wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet auch hier mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ Unser Glaube kann nicht anders feststehen, als wenn er auf Christi Wiederkunft schaut. Denn das ist die Ursache, weshalb Gott die Offenbarung unserer Herrlichkeit verschiebt, dass Christus noch nicht offenbar geworden ist mit der Macht Seines Reiches. Und das, sage ich, ist die einzige Weise, den Glauben festzuhalten, dass wir geduldig das uns verheißene Leben erwarten. Sobald jemand nur ein wenig von Christus abweicht, bricht er notwendigerweise zusammen. Das Wort „wissen“ bezeichnet die Gewissheit des Glaubens und unterscheidet ihn von einem bloßen Meinen. Es beschreibt aber nicht ein bloßes und allgemein zugängliches Wissen, sondern ein solches, das jeder auf sich persönlich beziehen muss, wenn anders es ihm feststehen soll, er werde einst Christus ähnlich sein. Wenn daher auch die Auswirkung unserer Herrlichkeit bis zu Christi Ankunft aufgeschoben wird, so ist doch die Erkenntnis derselben aufs Beste begründet.

    Dass wir ihm ähnlich sein werden. – Der Apostel sagt nicht: Wir werden Ihm gleich sein. Es muss einen Unterschied zwischen Haupt und Gliedern geben. Aber wir werden Ihm ähnlich sein, weil Er unseren nichtigen Leib Seinem herrlichen Leibe ähnlich machen wird, wie auch Paulus lehrt (Philipper 3.21). Der Apostel will kurz zeigen, das letzte Ziel unserer Annahme an Kindesstatt sei, dass dasjenige, was der Zeitfolge nach an Christus vorherging, endlich auch an uns erfüllt werde. Indessen scheint der Grund, den er angibt, schwach zu sein. Denn wenn der Anblick Christi uns Christus ähnlich macht, so werden die Gottlosen dieselbe Herrlichkeit haben, wie wir, da auch sie Ihn sehen werden. Ich sage dagegen, dass unser Sehen ein vertrautes Sehen ist, wie die Gottlosen es nicht ertragen können, ohne zu erschrecken. Abgesehen davon, dass sie den Anblick Gottes fliehen und davor schaudern, so wird auch Seine Herrlichkeit ihre Augen blenden, so dass sie verwirrt und betroffen dastehen müssen. Wir sehen ja, wie Adam seines schlechten Gewissens wegen vor Gottes Gegenwart sich scheut. Und das verkündigt Gott ganz allgemein über die Menschen (2. Mose 33.20): Niemand wird mich sehen und leben bleiben. Deshalb muss Gottes Majestät wie ein verzehrendes Feuer uns notwendigerweise wie Stroh verbrennen. Das ist die Hinfälligkeit unseres Fleisches. Sofern aber Gottes Bild in uns erneuert wird, haben wir Augen, geschickt, Gott zu schauen. Und jetzt fängt Gott an, Sein Bild in uns wiederherzustellen. Aber in welch geringem Maße? Also können wir Gott nicht von Angesicht zu Angesicht schauen, wenn uns nicht alle Verderbtheit unseres Fleisches ausgezogen ist. Das drückt auch der Satz aus: Wir werden Ihn sehen, wie Er ist. Damit wird uns für die Gegenwart nicht jedes Schauen Gottes abgesprochen. Aber es ist, wie Paulus sagt (1. Korinther 13.12): Wir sehen jetzt nur in einem Spiegel, in einem Rätselwort. Das Schauen von Angesicht zu Angesicht ist ein anderes. Alles in allem: Gott bietet sich jetzt uns zum Schauen, nicht wie Er ist, sondern wie unser Vermögen Ihn fassen kann. So wird erfüllt, was wir bei Mose (2. Mose 33.23) lesen, dass wir dem Herrn hintennach sehen, weil der Glanz in Seinem Angesicht uns zu stark ist. Übrigens gibt das „denn“ nicht den Grund, sondern die Wirkung an: Wir werden Ihm ähnlich sein, wir werden Ihn nämlich sehen, wie Er ist. Die Meinung ist nicht, dass wir Ihm ähnlich sein werden, weil wir Seinen Anblick genießen sollen. Dass wir an der göttlichen Herrlichkeit teil gewinnen sollen, wird vielmehr dadurch gewährt, dass unsere Natur niemals so nahe zu Gott kommen könnte, wenn sie nicht geistlich und mit himmlischer und seliger Unsterblichkeit ausgestattet wäre. Doch wird unsere Herrlichkeit nicht so vollkommen sein, dass unser Blick den Herrn ganz zu umfassen vermöchte. Auch dereinst wird noch ein weiter Abstand zwischen uns und Ihm bleiben. Wenn aber der Apostel sagt, wir würden Ihn sehen, wie Er ist, so bezeichnet Er damit eine neue und unaussprechliche Art des Sehens, deren wir jetzt nicht teilhaft sind. Denn solange wir im Glauben wandeln, lehrt Paulus, wallen wir fern von Ihm (2. Korinther 5.6). Und so oft Er sich den Vätern zum Schauen darbot, ist Er nicht in Seiner Wesenheit, sondern immer unter Symbolen gesehen worden. Also wird Gottes Majestät, die jetzt verborgen ist, erst dann an sich geschaut werden, wenn der Schleier dieser sterblichen und verderbten Natur aufgehoben ist. Andere spitzfindige Erörterungen erspare ich mir. Man muss sich hüten, dass man nicht, während man untersucht, wie Gott geschaut werden kann, den Frieden und die Heiligung verliert, ohne welche niemand Ihn sehen wird.

    Und ein jeglicher, der solche Hoffnung hat zu ihm, der reinigt sich, gleichwie Er auch rein ist. – Nun schließt der Apostel, dass das Streben nach Heiligkeit nicht etwa darum in uns erkalten dürfe, weil unser Glück noch nicht erschienen ist; denn die Hoffnung genügt. Wir wissen, dass man auf das hofft, was verborgen ist. Der Sinn ist also, wenn wir auch Christus noch nicht vor den Augen gegenwärtig haben, so ist es doch unumgänglich, dass, wenn wir auf Ihn hoffen, jene Hoffnung uns erweckt und antreibt, nach der Reinheit zu trachten. Denn die Hoffnung weist uns auf Christus, und Christus ist wie wir wissen, das vollkommene Vorbild der Reinheit.