1. Johannes 2.20-23
Und ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und wisset alles. Ich habe euch nicht geschrieben, als wüsstet ihr die Wahrheit nicht, sondern ihr wisst sie, und wisset, dass keine Lüge aus der Wahrheit kommt. Wer ist ein Lügner, wenn nicht der da leugnet, dass Jesus der Christus sei? Das ist der Widerchrist, der den Vater und den Sohn leugnet. Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater.
Und ihr habt die Salbung. – Bescheiden entschuldigt sich der Apostel, dass er seine Leser so besorgt ermahnt: Sie sollen nicht meinen, er halte sie verkehrter weise für Leute, die durchaus nicht wissen, was sie eigentlich wissen müssten. So gesteht Paulus (Römer 15.14) den Römern so viel Klugheit zu, dass sie geschickt seien, auch andere zu ermahnen; zugleich aber zeigt er, er könne das ihm auferlegte Amt nicht anders ausrichten, als indem er sie ermahnt. Die Apostel reden nicht in schmeichlerischer Absicht so, vielmehr beugen sie auf diese Weise klüglich vor, dass ihre Lehre von niemand verachtet werde. Sie behaupten ja, sie passe nicht nur für unerfahrene Menschen, sondern auch für solche, die in der Schule des Herrn erzogen sind. Die Erfahrung lehrt, wie verwöhnt die Ohren der Menschen sind. Solcher Stolz darf bei Frommen nicht sein; ein kluger und guter Lehrer aber darf nichts unterlassen, um sich bei allen Gehör zu verschaffen. Sicher ist aber, dass wir das, was gesagt wird, mit weniger Aufmerksamkeit und Verehrung aufnehmen, wenn wir meinen, der Redner verkleinere die Einsicht, welche uns vom Herrn gegeben wurde. Zugleich stachelt der Apostel durch dieses Lob die Leser an, weil Menschen, die mit der Gabe der Einsicht begabt sind, weniger Entschuldigung haben, wenn sie andere nicht an Fortschritten übertreffen. Kurz, der Apostel belehrt sie nicht als Ungebildete und Anfänger, vielmehr ruft er ihnen schon bekannte Sachen ins Gedächtnis zurück; er ermahnt sie, die Funken des Geistes anzufachen, dass ein heller Glanz in ihnen leuchte. Auch legt er sich selbst in den folgenden Worten aus, wo er sagt, er habe nicht deswegen geschrieben, weil sie die Wahrheit nicht wüssten, sondern vielmehr, weil sie in derselben recht unterrichtet seien. Denn wenn sie ganz ungebildet und unerfahren gewesen wären, so hätten sie diese Lehre nicht fassen können. Wenn er sagt, sie wüssten alles, so muss dies nicht ganz allgemein verstanden, sondern auf den Zweck dieser Stelle eingeschränkt werden. Die Wendung, dass die Leser die Salbung haben von dem, der heilig ist, spielt ohne Zweifel an bildliche Darstellungen des alten Bundes an. Aus dem Heiligtum wurde das Öl geholt, um die Priester zu salben. Daniel aber sagt (9.24), die Ankunft Christi sei die rechte Zeit, um das Allerheiligste zu salben. Deshalb ist Er vom Vater gesalbt worden, dass Er allerhand Reichtum aus Seiner Fülle auf uns ausgieße. Daraus folgt, dass die Menschen rechte Weisheit nicht vermöge eigenen Scharfsinns gewinnen, sondern vermöge der Erleuchtung durch den Geist. Ferner werden wir nicht anders des Geistes teilhaftig als durch Christus, der sowohl das rechte Heiligtum ist, als auch unser einziger Priester.
Wisset, dass keine Lüge aus der Wahrheit kommt. – Der Apostel traut den Lesern die Urteilskraft zu, dass sie Wahres und Falsches unterscheiden können. Der Satz, die Lüge sei etwas anderes als die Wahrheit, ist nicht nur theoretisch gemeint, sondern praktisch auf den gegenwärtigen Gebrauch zugeschnitten. Er will sagen, sie wüssten nicht nur, was wahr ist, sondern sie seien auch gegen die Betrügereien und Täuschereien der Gottlosen gefeit, dass sie sich klüglich hüteten. Übrigens redet er nicht von der einen oder anderen Art der Lüge; er sagt vielmehr, sie seien sofort fähig, Licht und Finsternis zu unterscheiden, mit was für Betrug der Satan sie auch bedrohe, oder von welcher Seite er sie auch angreife, weil sie den Geist als Führer hätten.
Wer ist ein Lügner, wenn nicht der da leugnet, dass Jesus der Christus sei? – Der Apostel behauptet nicht, dass nur diejenigen Lügner seien, die leugnen, dass der Sohn Gottes im Fleische erschienen ist, aber er erklärt sie für die schlimmsten unter allen Lügnern. Er will sagen: Wenn man das nicht für Lüge halten will, dann gibt es überhaupt keine Lüge. Was er aber von den falschen Propheten im Allgemeinen erwähnt hatte, das wendet er jetzt auf die Lage seiner Zeit an. Er zeigt mit dem Finger auf die, welche die Gottesgemeinde verwirrten. Die Alten finden hier einen Hinweis auf Cerinth und Karpokrates [ersterer lebte in Ephesus noch mit Johannes zusammen; letzterer lehrte erst in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, kann also nicht in Betracht kommen]; und ich kann dies billigen. Übrigens ist die Leugnung Christi in sehr umfassendem Sinne zu verstehen. Es ist nämlich nicht genug, mit einem Wort zuzugeben, Jesus sei der Christ; man muss Ihn auch so annehmen, wie der Vater Ihn uns im Evangelium darbietet. Jene beiden, die ich genannt habe, gaben dem Sohne Gottes den Titel Christus, aber sie machten Ihn zu einem bloßen Menschen. Es sind andere gefolgt, wie Arius, die Ihn mit dem Namen „Gott“ schmückten, aber Ihn doch der ewigen Gottheit beraubten. Marcion [leitete um 150 eine eigne gnostische Gemeinde in Rom] träumte, Er sei nur ein Scheinmensch gewesen. Sabellios [lehrte im Anfang des 3. Jahrhunderts] fabelte, Er unterscheide sich nicht vom Vater. Diese alle leugneten den Sohn Gottes, weil keiner von ihnen den ganzen Christus ehrlich anerkannte. Sie fälschten Sein wahres Bild und machten sich einen Götzen an Christi statt zurecht. Darauf trat Pelagius auf, der zwar keinen Streit über Christi Wesensart hervorrief, indem er Sein göttliches und menschliches Wesen anerkannte; aber er übertrug fast Seine ganze Ehre auf uns. Das heißt aber, Christus zu nichts machen, wenn Seine Gnade und Kraft beseitigt wird. So setzen heute die Papisten den freien Willen der Gnadenwirkung des Heiligen Geistes entgegen, gründen einen Teil der Gerechtigkeit und des Heils auf die Verdienste der Werke, erfinden sich unzählige Schutzheilige, durch die sie Gott gnädig stimmen wollen, und haben damit, ich weiß nicht, was für einen erdichteten Christus. Das lebendige und wahrhaftige Bild Gottes, das in Christus leuchten sollte, entstellen sie durch ihre verkehrten Erdichtungen, Seine Kraft lähmen sie, Sein Amt stürzen sie um. Wir sehen, dass man Christus leugnet, sobald man Ihm abspricht, was Ihm eigentümlich ist. Weil Christus Mittelpunkt des Gesetzes und des Evangeliums ist und alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis in sich trägt, so ist Er das Ziel, auf das alle Ketzer ihre Pfeile richten. Darum macht der Apostel nicht mit Unrecht diejenigen zu Erzbetrügern, die Christus bekämpfen, weil in Ihm die volle Wahrheit uns dargeboten ist.
Das ist der Widerchrist. – Der Apostel redet nicht von jenem Haupt des Abfalls, der sich auf den Thron Gottes setzen wird, er reiht vielmehr alle, die Christus zu beseitigen wagen, in jene ruchlose Schar ein. Und um ihr Verbrechern recht ans Licht zu stellen, sagt er: Nicht nur der Sohn, sondern ebenso der Vater werde von ihnen geleugnet. Er will sagen: Sie haben überhaupt keine Religion mehr, da sie Gott im tiefsten Grunde verwerfen. Dies bekräftigt er, indem er den Grund hinzufügt, dass der Vater vom Sohne nicht getrennt werden kann. Diese Stelle ist übrigens sehr bemerkenswert und muss für einen der Hauptsätze unserer Religion gehalten werden. Zu dem Bekenntnis, dass es einen Gott gibt, muss dieses als zweites notwendig hinzugefügt werden: Es gibt nur den Gott, den man in Christus erkennt. Der Apostel gibt hier keine scharfsinnigen Erörterungen über die Einheit des Wesens. Es steht fest, dass der Sohn nicht vom Vater losgerissen werden kann, weil Er gleichen Wesens mit Ihm ist; aber jetzt ist von etwas anderem die Rede, nämlich davon, dass der Vater, der sonst unsichtbar ist, sich nur im Sohne geoffenbart hat. Deshalb wird der Sohn auch das Ebenbild des Vaters genannt (Hebräer 1.3), weil Er alles das, was vom Vater zu erkennen not ist, uns darstellt und darbietet. Die nackte Majestät Gottes wird immer durch Ihren unermesslichen Glanz unsere Augen blenden, also muss man auf Christus schauen. Da ist Zugang zum Licht, das sonst mit Recht ein unzugängliches genannt wird. Hier wird, wie gesagt, keine scharfsinnige Erörterung über die ewige Wesenheit Christi, welche Er mit dem Vater gemeinsam hat, gepflogen. Diese Stelle reicht freilich völlig hin, um dieselbe zu beweisen. Johannes aber ruft uns hier zu praktischem Glauben auf und sagt uns: Weil Gott sich uns nur in Christus zu genießen gibt, so sucht man Ihn anderwärts umsonst. Oder, wenn einer es noch deutlicher ausgedrückt haben will: Da in Christus die ganze Fülle der Gottheit wohnt, gibt es außer Ihm nichts von Gott. Daraus folgt, dass die Türken, Juden und ähnliche Leute an Stelle Gottes ein leeres Bild haben. Mit was für Titeln sie auch den Gott, den sie anbeten, bezeichnen mögen, was haben sie anders als ihr eigenes Gebilde und ihr eigenes Gemächte? Sie verwerfen ja den, ohne den man nicht zu Gott kommen kann und in dem allein Gott sich uns offenbart. Die außer Christus von göttlichen Dingen philosophieren, schmeicheln sich zwar in ihren Spekulationen; sicher aber ist, dass sie nichts als Torheit vorbringen, weil sie sich, wie Paulus sagt, nicht an das Haupt halten (Kolosser 2.19). Daraus ergibt sich, wie notwendig die Erkenntnis Christi ist. Wollte jemand einwenden, dass viele unter den Alten richtige Ansichten über Gott hatten, denen doch Christus unbekannt war, so gebe ich zu, dass nicht immer eine ausdrückliche Erkenntnis Christi vorhanden war. Dies aber behaupte ich als stets geltende Wahrheit; wie das Licht der Sonne durch ihre Strahlen bis zu uns kommt, so ist die Erkenntnis Gottes immer nur durch Christus vermittelt worden.