1. Johannes 2.18-19
Kinder, es ist die letzte Stunde; und wie ihr gehört habt, dass der Widerchrist kommt, so sind nun viel Widerchristen geworden; daher erkennen wir, dass die letzte Stunde ist. Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns, denn so sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, dass sie nicht von uns sind.
Kinder, es ist die letzte Stunde. – Der Apostel stärkt die Gläubigen gegen Ärgernisse, durch die sie verwirrt werden konnten. Es waren schon verschiedene Sekten entstanden, die sowohl die Einigkeit des Glaubens spalteten als auch die Gemeinden zerrissen. Der Apostel schirmt nicht nur die Gläubigen, damit sie nicht wanken, vielmehr wendet er dies alles zu einem ganz anderen Ziel. Er erinnert sie nämlich, es sei schon die letzte Zeit, und darum mahnt er sie zu größerer Wachsamkeit. Es ist, als wollte er sagen: Wenn allerlei Irrlehren auftauchen, so müsst ihr euch weniger erschrecken als vielmehr erwecken lassen. Denn daraus ist zu schließen, dass Christus nicht mehr fern ist. Also lasst uns darauf bedacht sein, Ihn zu erwarten, damit Er uns nicht plötzlich überfalle. Ebenso müssen auch wir uns heute aufrichten und die nahe Ankunft Christi im Glauben ergreifen, wenn der Satan alles durcheinanderwirft, um die Gemeinde zu verwirren, denn das sind die Zeichen der letzten Zeit. Indessen scheinen die vielen Jahrhunderte, die seit dem Tode des Johannes dahingeflossen sind, diese Weissagung als falsch hinzustellen. Ich antworte, dass der Apostel in der gewöhnlichen Weise der Schrift den Gläubigen ankündigt, es bleibe nun nichts anderes mehr übrig, als dass Christus zur Erlösung der Welt erscheine. Weil er aber keine Zeit angibt, so hat er weder die Leute seiner Zeit durch eine leere Hoffnung getäuscht, noch wollte er für die Zukunft einen weiteren Verlauf der Kirchengeschichte und die lange Reihe von Jahren, in denen die Kirche bisher in der Welt ausgehalten hat, abschneiden. Und sicher, wenn die Ewigkeit des Reiches Gottes uns vor Augen schwebt, so gibt es keine noch so lange Frist, die nicht doch wie ein Augenblick ist. Es ist festzuhalten, dass der Apostel die Zeit als die letzte bezeichnet, in der alles so weit ist, dass nichts anders übrigbleibt als die letzte Offenbarung Christi.
Und wie ihr gehört habt, dass der Widerchrist kommt. – Der Apostel redet als über eine bekannte Sache. Daraus ist zu schließen, dass die Gläubigen über die künftige Zersplitterung der Gemeinde von Anfang an belehrt worden sind, nicht nur damit sie sich selbst sorgfältig bei dem angenommenen Glauben bewahren möchten, sondern damit sie auch die Nachkommen lehren sollten, sich in acht zu nehmen. Denn Gott wollte, dass die Kirche nur so auf die Probe gestellt werde, dass keiner anders als mit Wissen und Willen sich täuschen lasse, und dass es keine Entschuldigung mit Unwissenheit gebe. Und doch sehen wir, dass fast der ganze Erdkreis elend getäuscht worden ist, als ob nie ein Wort vom Antichrist ergangen wäre. Ja sogar unter dem Papsttum ist nichts wichtiger und geläufiger als die künftige Erscheinung des Antichrist; indessen sind sie so stumpf, dass sie seine Tyrannei, die auf ihren Schultern lastet, nicht fühlen. Es ist ihnen dasselbe widerfahren wie den Juden. Denn während diese die Verheißungen vom Messias festhalten, sind sie doch weiter von Christus entfernt, als wenn sie nie Seinen Namen gehört hätten: Der eingebildete Messias, den sie sich erdacht haben, hält sie vom Sohne Gottes gänzlich fern. Wenn jemand sich bemühte, ihnen aus dem Gesetz und den Propheten Christus zu zeigen, so wäre das verlorene Liebesmühe. Alle Zeichen, durch welche der Geist Gottes den Antichrist zeichnet, erscheinen nun klar am Papst. Aber die Gedanken der Papisten sind derartig befangen, dass sie mit sehenden Augen nicht sehen. Wir erinnern uns daher, dass der Antichrist nicht nur vom Geiste Gottes vorausgesagt worden ist, sondern dass auch zugleich die Kennzeichen angegeben sind, an denen er erkannt werden kann.
So sind nun viel Widerchristen geworden. – Es könnte scheinen, als sei dies zur Abwehr der angeblich falschen Meinung gesagt, dass es nur ein einziges antichristliches Reich gebe. Aber es ist nicht so. Freilich irrt man sich, wenn man meint, es werde nur einen einzigen antichristlichen Menschen geben. Wenn aber Paulus des kommenden Abfalls gedenkt (2. Thessalonicher 2.3), so bezeugt er klar, dass es sich um einen einheitlichen Leib und ein einziges Reich handeln werde. Zuerst sagt er den Abfall voraus, der durch die ganze Kirche hindurchgehen wird, so dass er gewissermaßen ein allgemeines Übel ist; sodann stellt er als das Haupt des Abfalls den Widerchristen hin, der sich in den Tempel Gottes setzen und göttliches Wesen und göttliche Ehre für sich in Anspruch nehmen wird. Wenn wir nicht freiwillig irren wollen, so können wir aus der Beschreibung des Paulus den Antichrist kennenlernen. Aber wie stimmt das mit den Worten des Johannes, der sagt, es seien jetzt schon viele? Ich antworte: Johannes will lediglich zeigen, dass jetzt schon einzelne Sekten auftauchen, die Vorspiele der künftigen Verkehrung sind. Cerinth, Basilides, Marcion, Valentinus, Ebion, Arius und andere [Irrlehrer der ersten christlichen Jahrhunderte] waren schon Glieder des Reichs, welches der Teufel später wider Christus aufrichtete. Genau geredet war der Antichrist noch nicht vorhanden, aber das Geheimnis der Bosheit regte sich schon heimlich. Aber Johannes braucht diesen Namen, um den Eifer und die Besorgnis der Frommen zur Widerlegung der Täuschungen mehr zu schärfen. Wenn der Geist Gottes schon damals den Gläubigen befahl, auf Wache zu stehen, als sie die Zeichen des kommenden Feindes erst aus weiter Ferne sahen, wie viel weniger ist jetzt Zeit zum Schlafen, wo er die Kirche durch seine grausame Tyrannei unterdrückt hält und Christus öffentlich verspottet.
Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. – Dieser Satz kommt einem anderen Einwand zuvor, weil es schien, die Kirche habe jene Seuchen geboren und in ihrem Busen bis zu dieser Zeit gehegt. Sicher trägt das zur Verwirrung der Schwachen mehr bei, wenn einer, der mit uns den wahren Glauben bekannt hat, abfällt, als wenn sich tausend Draußenstehende gegen uns verschwören. Der Apostel gibt nun freilich zu, dass jene Leute aus dem Schoß der Gemeinde hervorgegangen sind, leugnet aber doch, dass sie jemals innerlich zu ihr gehört haben. Er widerlegt den Vorwurf, dass die Kirche an diesem Übel schuld sei, in der Weise: Die Kirche ist gezwungen, viele Heuchler zu tragen, die Christus in Wahrheit nicht haben, wenn sie auch Seinen Namen zuzeiten mit dem Munde bekennen. Solche Leute sind wie Spreu, die, mit dem Weizen vermischt, auf einer Tenne liegt, und die man doch nicht als Weizen ansieht.
Denn so sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben. – Hier wird ganz klar gesagt, dass Leute, die abfallen, niemals Glieder der Gottesgemeinde waren. Uns sicherlich bleibt, mit Paulus (2. Timotheus 2.19) zu reden, das Siegel Gottes fest, unter welchem Er die Seinen bewahrt. Aber hier entsteht eine Schwierigkeit: Es kommt nämlich vor, dass viele, die Christus ergriffen zu haben scheinen, abfallen. Ich antworte: Es gibt unter denen, die das Evangelium bekennen, drei Klassen. Da sind solche, die Frömmigkeit heucheln, während doch das schlechte Gewissen sie innerlich beschuldigt. Der anderen Heuchelei ist noch betrügerischer; sie versuchen nicht nur die Menschen zu täuschen, sondern blenden sich selbst die Augen, so dass sie sich einbilden, Gott wirklich zu verehren. Die dritten haben die lebendige Wurzel des Glaubens und tragen das Zeugnis ihrer Kindschaft tief und fest im Herzen. Die beiden ersten Klassen haben keine Festigkeit; von den letzten sagt Johannes, es sei unmöglich, dass sie von der Gottesgemeinde abfallen. Denn das Siegel, das Gott durch Seinen Geist ihrem Gewissen eingedrückt hat, kann nicht zerstört werden. Ein unzerstörbarer Same, der Wurzel schlägt, kann nicht herausgerissen oder vernichtet werden. Es handelt sich hier nämlich nicht um der Menschen, sondern um Gottes Beständigkeit, dessen Erwählung fest sein muss. Der Apostel sagt deshalb mit Recht: Wo die Berufung Gottes wirksam ist, da wird sicher Beharrung sein. Alles in allem ist seine Meinung, dass solche, die abfallen, niemals tief in die Erkenntnis Christi eingetaucht waren. Vielmehr besaßen sie nur einen leichten und vergänglichen Geschmack.
Aber es sollte offenbar werden, dass sie nicht von uns sind. – Der Apostel erklärt eine Prüfung als nützlich und notwendig für die Gemeinde. Daraus folgt auf der anderen Seite, dass sie keinen Grund bietet, sich verwirren zu lassen. Da die Kirche einer Tenne ähnlich ist, so muss die Spreu vom Wind fortgetragen werden, damit der reine Weizen bleibt. Das bewirkt Gott, wenn Er die Heuchler aus der Kirche heraustut; dann reinigt Er sie von Auswurf und Schmutz.