1. Johannes Kapitel 2 Teil V

    1. Johannes 2.15-17

    Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.

    Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. – Vorher hatte der Apostel es als die einzige Regel eines frommen Lebens bezeichnet, dass man Gott liebe; weil wir aber, von einer eitlen Liebe zur Welt besessen, alle unsere Sinne anderswohin wenden, so muss zuerst jene Eitelkeit aus uns herausgerissen werden, damit die Liebe zu Gott in uns regiere. Bevor die Herzen gereinigt sind, kann man jene Predigt von der Liebe zu Gott hundertmal wiederholen, ohne etwas auszurichten. Wenn man Wasser über eine Kugel ausgießen wollte, würde man ja auch keinen einzigen Tropfen sammeln, weil dort keine hohle Stelle ist, in welcher das Wasser aufgefangen werden könnte. Unter „Welt“ ist das ganze gegenwärtige Leben zu verstehen, sofern man es vom Reiche Gottes und von der Hoffnung des ewigen Lebens lostrennt. Dieser Begriff enthält alle Arten von Verderbnis in sich und einen Abgrund aller Übel. In der Welt sind alle Lüste, Genüsse und Reize, durch welche der Mensch sich gefangen nehmen und seinem Gott entziehen lässt. Die Liebe zur Welt wird deshalb so streng verdammt, weil wir notwendigerweise uns selbst und Gott vergessen müssen, sobald wir nichts anders als die Erde sehen. Wo eine solche verkehrte Begierde herrscht und den Menschen so umstrickt hält, dass er nicht an das himmlische Leben denkt, da ist tierischer Stumpfsinn.

    So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. – Es ist durchaus notwendig, die Liebe zur Welt wegzuwerfen, wenn wir Gott gefallen wollen. Was „Welt“ im eigentlichen Sinne ist, das stimmt mit Gott durchaus nicht überein. Man muss festhalten, was ich eben sagte, dass der Ausdruck eine ungeheiligte Lebenshaltung beschreibt, die nichts mit dem Reiche Gottes gemein hat, wo die Menschen so entarten, dass sie, zufrieden mit dem gegenwärtigen Leben, nicht mehr an das ewige Leben denken, wie das stumme Vieh. Wer sich also derart den irdischen Begierden ergibt, der kann nicht Gottes sein.

    Des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. – Der genaueren Ausführung halber hat Johannes diese drei Punkte eingeschoben, um kurz zu zeigen, welches die Bestrebungen und welches die Gesinnungen derer sind, die für die Welt leben. Ob diese Einteilung vollständig und erschöpfend ist, ist nicht so wichtig; jedoch wird man keinen weltlichen Menschen finden, in dem nicht solche Begierden herrschen, oder wenigstens eine derselben. Es erübrigt noch zu untersuchen, was der Apostel unter jedem einzelnen Ausdruck versteht. Das erste Glied pflegt allgemein von allen sündigen Begierden ausgelegt zu werden, weil Fleisch die ganze verderbte Natur des Menschen bedeutet. Obwohl ich nicht streiten möchte, will ich doch nicht verhehlen, dass ich eine andere Auslegung vorziehe. Wenn Paulus in Römer 13.14 verbietet, in einer solchen Weise für das Fleisch zu sorgen, dass Begierden wachgerufen werden, so scheint er mir der beste Ausleger dieser Stelle zu sein. Was heißt dort Fleisch? Der Leib und seine Bedürfnisse. Was ist also „des Fleisches Lust“ anders als das Bestreben der irdisch gesinnten Menschen, bequem und üppig zu leben und nur an den eigenen Vorteil zu denken? Johannes, dem das unordentliche Wesen des menschlichen Herzens wohl bekannt war, verdammt des Fleisches Lust, weil sie immer darauf aus ist, in Saus und Braus zu leben, und nie das rechte Maß zu halten weiß, hernach auch stufenweise zu ärgern Lastern fortschreitet. Der Augen Lust umfasst meines Erachtens sowohl lüsterne Blicke als auch die Eitelkeit, die an Pomp und eitlem Glanz ihre Freude findet. Endlich folgt noch hoffärtiges Leben, womit verbunden sind Ehrgeiz, Prahlerei, Verachtung anderer, blinde Selbstliebe, verwegenes Selbstvertrauen. Kurz, sobald die Welt sich uns darbietet, reißt sie, weil unser Herz verkehrt ist, unsere Begierden an sich, so dass sie, wilden Tieren gleich, ihr entgegenstürmen. So herrschen dann allerlei Begierden, die alle Gott zuwider sind.

    Und die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. – Weil in der Welt alles hinfällig und sozusagen nur von augenblicklicher Dauer ist, wie schlecht und erbärmlich sorgen da diejenigen für sich, die hier ihr Glück suchen, zumal da Gott uns zu einem ewigen, seligen und herrlichen Leben beruft! Das wahre Glück, welches Gott Seinen Kindern darbietet, ist ewig; es ist deshalb unwürdig, dass wir uns in die Welt verstricken, die bald mit allen ihren Gütern dahinschwinden wird. Lust bedeutet hier so viel wie: Alles, wonach uns gelüstet; alles, was das Verlangen der Menschen an sich zieht. Der Sinn ist: Was immer in der Welt für noch so wertvoll und wünschenswert gehalten wird, das ist doch nur ein Schatten und Schemen. Wenn der Apostel dagegen sagt: Wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit, so deutet er an, dass diejenigen ewig selig sein werden, die Gott suchen. Wenn jemand entgegnet, niemand tut, was Gott befiehlt, so diene zur Antwort, dass hier nicht von einem vollkommenen Halten des Gesetzes die Rede ist, sondern von dem Gehorsam des Glaubens, der, so unvollkommen er ist, doch Gott nichtsdestoweniger wohlgefällt. Der Wille Gottes wird uns zunächst im Gesetz gezeigt. Weil aber niemand dem Gesetz genugtut, so kann man von ihm kein Glück erhoffen. Den Verzweifelten aber kommt Christus zu Hilfe, der uns nicht allein durch Seinen Geist wiedergebiert, dass wir Gott gehorchen, vielmehr auch bewirkt, dass alle unsere Bemühungen das Lob vollkommener Gerechtigkeit erlangen.