1. Johannes Kapitel 2 Teil IV

    1. Johannes 2.12-14

    Liebe Kindlein, ich schreibe euch; denn die Sünden sind euch vergeben durch seinen Namen. Ich schreibe euch Vätern, denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch Jünglingen; denn ihr habt den Bösewicht überwunden. Ich schreibe euch Kindern; denn ihr kennt den Vater. Ich hab euch Vätern geschrieben; den ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich habe euch Jünglingen geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in euch, und habt den Bösewicht überwunden.

    Liebe Kindlein, ich schreibe euch. – Der Apostel redet hier nicht nur das zarte Alter an, vielmehr versteht er unter „Kindlein“ Menschen jeden Alters, wie schon zuvor (Vers 2.1) und bald darnach (Vers 2.18). Das sage ich deshalb, weil die Ausleger den Ausdruck „Kindlein“ unrichtigerweise nur auf kleine Kinder beziehen. Johannes aber braucht, wenn er von kleinen Kindern redet, einen anderen Ausdruck; hier aber nennt er gleichsam als geistlicher Vater alle „Kindlein“, Greise sowohl als auch kleine Kinder. Sodann erst (Vers 13) wendet er sich an die einzelnen Altersstufen. Jetzt schärft er für die ganze Gemeinde, damit die vorangehende Ermahnung die unverdiente Vergebung der Sünden nicht verdunkle, die dem Glauben eigentümliche Lehre noch einmal ein; wie man denn ganz gewiss immer an dem Fundament halten muss, dass unser Heil allein auf der Gnade Christi ruht. Gewiss, die Heiligkeit des Lebens muss betont werden, eifrig muss man an die Furcht Gottes erinnern, entschieden müssen die Menschen zur Reue getrieben werden, gepriesen werden muss das neue Leben mit seinen Früchten; immer aber muss man sich hüten, dass die Lehre vom Glauben nicht erstickt werde, die Christus als den alleinigen Urheber des Heils und aller Güter hinstellt; es muss immer die Mäßigung beobachtet werden, dass der Glaube die erste Stelle behält. Dies Gesetz schreibt Johannes uns vor. Er ruft uns, nachdem er eifrig von den guten Werken gepredigt hat, so angelegentlich zur Gnade Christi zurück, damit es nicht scheine, als lege er den guten Werken mehr Gewicht bei, als man darf.

    Die Sünden sind euch vergeben. – Ohne diese Zuversicht gibt es nur eine haltlose und müßige Frömmigkeit. Ja, wenn man die freie Vergebung der Sünden hintansetzt und auf andere Punkte viel Gewicht legt, baut man ohne Fundament. Johannes deutet an, dass nichts geeigneter ist, die Menschen zur Furcht Gottes zu reizen, als wenn sie recht gelehrt sind, was für Güter Christus ihnen gebracht hat. Daraus erhellt, wie gottlos die Verleumdung der Papisten ist, die vorgeben, der Eifer zum Guten erkalte, wenn das hervorgehoben wird, was allein gehorsame Gotteskinder macht. Denn daher nimmt der Apostel die Grundlage zum Ermahnen, dass wir wissen: Gott ist uns so wohlwollend, dass Er die Sünden nicht anrechnet.

    Durch seinen Namen. – Der Grund der Sündenvergebung wird hinzugefügt, damit wir nicht andere Hilfsmittel suchen, die uns mit Gott versöhnen. Es ist nicht genug, festzuhalten, dass Gott uns die Sünden vergibt, vielmehr müssen wir geradeswegs zu Christus kommen und zu jenem Lösegeld, welches Er am Kreuz für uns bezahlt hat. Und das ist umso mehr zu beachten, als wir sehen, dass der Satan durch seine List, und schlechte Menschen durch allerhand Erdichtungen, diesen Weg versperren. Durch mancherlei Genugtuungen versuchen törichte Menschen, Gott zu versöhnen, und unzählige Arten von Sühne denken sie sich aus, um sich zu erlösen. Denn je mehr Mittel wir erfinden, um Vergebung zu verdienen, umso mehr Hindernisse türmen wir auf, die uns vom Zugang zu Gott abhalten. Darum fügt Johannes, nicht zufrieden mit dieser einfachen Lehre, dass Gott uns die Sünden vergibt, ausdrücklich hinzu, Gott sei uns gnädig im Blick auf Christus, um alle anderen Gründe auszuschließen. Auch wir sollen, um diese Wohltat zu genießen, alle andern Namen beiseitelassen und vergessen und allein den Namen „Christus“ umfassen.

    Ich schreibe euch Vätern. – Nun kommt der Apostel zur Aufzählung der verschiedenen Lebensalter, um zu zeigen, dass seine Lehre jeden einzelnen angeht. Die allgemeine Rede macht ja bisweilen wenig Eindruck; ja, es gibt bei unserer Bosheit wenige, die meinen, es gehe sie speziell an, was an alle zugleich gerichtet wird. Die Greise meinen meist, sie hätten das Alter zum Lernen überschritten; die Kinder weigern sich zu hören, weil sie noch nicht reif genug seien; Leute in mittlerem Alter haben so viel zu tun, dass sie dafür keinen Sinn haben. Damit also keiner sich ausnehme, passt der Apostel das Evangelium dem Bedürfnis der einzelnen an. Er bezeichnet aber drei Altersstufen. Diese Einteilung des menschlichen Lebens ist ja sehr gebräuchlich. So hatte auch der berühmte Chor der Lazedämonier drei Gruppen, von denen die erste sang: Was ihr seid, werden wir sein; die letzte: Was ihr seid, sind wir gewesen; die mittlere: Wir sind, was die einen gewesen sind und die andern sein werden. In diese drei Stufen teilt Johannes den menschlichen Lebenslauf. Er fängt mit den Greisen an und sagt: Für sie passe das Evangelium, weil sie daraus den ewigen Sohn Gottes kennenlernen können. Bekannt ist das mürrische Wesen der Greise; besonders aber erweisen sie sich als ungelehrig, weil sie die Weisheit nach der Zahl der Jahre messen. Außerdem merkt Horaz [Römischer Dichter unter Augustus; gemeint ist wohl Ars poetica 173 ff.] mit Recht den Fehler bei ihnen an, dass sie die Zeit ihrer Jugend loben und alles verwerfen, was jetzt geschieht und gesagt wird. Diesem Fehler begegnet Johannes in kluger Weise, indem er erinnert, dass im Evangelium nicht bloß alte Weisheit enthalten sei, sondern vielmehr solche Weisheit, die uns bis zur Ewigkeit Gottes selbst führt; daraus folgt, dass hier nichts ist, gegen das sie Abneigung haben müssten. Wenn er sagt, Christus sei von Anfang gewesen, so bezieht sich das auf das göttliche Wesen Christi, vermöge dessen Er gleich ewig ist wie der Vater. So sagt der Apostel (Hebräer 13.8): Christus war gestern und ist heute. Johannes meint etwa: Wenn ihr auf das Alter Gewicht legt, so habt ihr Christus, der älter ist als alles. Scheut euch nicht, dessen Schüler zu sein, der alle Jahrhunderte umfasst! Hier ist auch zu bemerken, was wirklich alte Religion ist, nämlich solche, die in Christus gegründet ist. Eine noch so lange Reihe von Jahren hat wenig Gewicht, wenn die Religion ihren Ursprung im Irrtum hat.

    Ich schreibe euch Jünglingen. – Diese Anrede wendet sich an alle, die in der Blüte des Lebens stehen. Wir wissen, dass diese Altersstufe so in die eitlen Sorgen der Welt verstrickt ist, dass sie kaum an das Reich Gottes denkt. Die Kraft des Geistes und die Stärke des Leibes macht sie fast trunken. Darum weist der Apostel sie darauf hin, wo wahre Kraft zu finden ist, damit sie nicht weiter nach Jugendart dem Fleische frönen. Ihr, sagt er, seid tapfer, weil ihr den Bösewicht überwunden habt. Sicher ist das die Tapferkeit, die man erstreben muss, nämlich die geistliche. Er sagt auch, dass dieselbe nirgend anders zu haben ist als bei Christus; er zählt ja die Güter auf, die wir aus dem Evangelium erlangen. Dass sie überwunden haben, sagt er nun von solchen, die jetzt noch mitten im Kämpfen sind. Die Lage ist eben bei uns eine ganz andere als bei Leuten, die unter menschlichen Fahnen zu Felde ziehen. Für diese ist der Kampf zweifelhaft und ebenso der Ausgang des Krieges. Wir sind schon Sieger, bevor wir mit dem Feind zusammengetroffen sind, weil unser Haupt, Christus, einmal die ganze Welt für uns besiegt hat.

    Ich schreibe euch Kindern. – Die Kinder bedürfen fremder Leitung. Daher schließt der Apostel, dass das Evangelium ausgezeichnet für Kinder passe, weil sie dort einen Vater finden. Übrigens passt das, was der Apostel den einzelnen Altersstufen sagt, auch auf alle. Wir zerfließen gänzlich in Eitelkeit, wenn unsere Schwachheit nicht durch die ewige Wahrheit Gottes gestützt wird. Nichts ist zerbrechlicher und hinfälliger als wir, wenn die Kraft Christi nicht in uns wohnt. Wir sind alle verwaist, bis uns das Evangelium zur gnädigen Einsetzung in den Kindesstand führt. Was also der Apostel den Jünglingen sagt, das gilt auch den Greisen. Indessen wollte er den einzelnen besonders ans Herz legen, was ihnen besonders nötig ist; und er zeigt ihnen damit, dass alle ohne Ausnahme die Lehre des Evangeliums nötig haben.

    Ich habe euch Jünglingen geschrieben. – Dieser Wiederholungen halte ich für überflüssig. Es ist wahrscheinlich, dass unerfahrene Leser, indem sie fälschlich meinten, es werde zweimal von „Kindern“ gesprochen, die beiden andern Glieder dreist hinzugefügt haben. Es kann aber auch sein, dass Johannes selbst die Worte an die Jünglinge, um ihnen mehr Gewicht zu geben, zweimal geschrieben hat – an zweiter Stelle fügt er nämlich hinzu: Ihr seid stark, was er an der ersten Stelle nicht gesagt hat – und dass die Abschreiber das andere von den Vätern hinzugefügt haben.