1. Johannes Kapitel 2 Teil III

    1. Johannes 2.7-11

    Brüder, ich schreibe euch nicht ein neu Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr habt von Anfang an gehabt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr von Anfang gehört habt. Wiederum ein neu Gebot schreibe ich euch, das da wahrhaftig ist bei ihm und bei euch; denn die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt. Wer da sagt, er sei im Licht, und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und ist kein Ärgernis bei ihm. Wer aber seinen Bruder hasset, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet. 

    Brüder, ich schreibe euch nicht ein neu Gebot. – Jetzt folgt eine Ausführung der vorhergehenden Lehre, nämlich dass Gott lieben heißt: Seine Gebote halten. Nicht ohne Grund verweilt die Rede länger bei diesem Punkt. Zunächst wissen wir, dass die Neuheit immer verhasst und verdächtig ist. Sodann nehmen wir nicht leicht ein ungewohntes Joch auf. Endlich, wenn wir einen gewissen Punkt der Lehre erfasst haben, so ist es uns lästig, wenn daran etwas geändert oder erneuert wird. Deshalb erinnert Johannes daran, dass er über die Liebe nur das lehre, was die Gläubigen von Anfang an gehört haben und was sich schon fest eingewurzelt hat. Andere legen den Hinweis auf das „alte“ Gebot anders aus, nämlich dass Christus im Evangelium keine andere Lebensregel aufstelle als Gott von alters her im Gesetz. Das ist sehr richtig. Ich streite auch nicht dagegen, dass der Apostel in diesem Sinne hernach das Wort des Evangeliums ein altes Gebot nennt. Aber ich meine, dass er jetzt nur sagen will: Es handelt sich um die ersten Grundsätze des Evangeliums, so seid ihr von Anfang an unterrichtet worden. Es ist also kein Grund vorhanden, warum ihr das als etwas Ungewohntes fliehen solltet, womit ihr schon längst vertraut sein müsstet. „Alt“ nennt der Apostel hier also das Gebot nicht, weil es vor vielen Jahrhunderten den Vätern überliefert wurde, sondern weil die Leser darin unterrichtet worden sind von ihrem ersten Bekanntwerden mit der Religion an. Das trägt aber viel bei, ihm Glauben zu verschaffen, weil die Leser sich sagen müssen: Es stammt von demselben Christus, von dem wir das Evangelium haben.

    Das alte Gebot ist das Wort, das ihr von Anfang gehört habt. – Hier dürfte die Bezeichnung als „altes Gebot“ umfassender verstanden werden müssen. Die Rede lautet voller, etwa in dem Sinne: Das Wort, das ihr von Anfang gehört habt, ist ein altes Gebot. Meines Erachtens will Johannes zu verstehen geben, das Evangelium dürfe nicht gleichsam als eine gestern geborene Lehre aufgenommen werden. Vielmehr, weil es von Gott ausgegangen ist, ist seine Wahrheit ewig. Es ist, als wollte er sagen: Ihr dürft das Alter des Evangeliums nicht nach dem Zeitraum bemessen, seitdem es euch gebracht worden ist; es ist ja in demselben euch der ewige Wille Gottes offenbart worden. Gott hat diese Lebensregel nicht bloß euch überliefert, als ihr zum Glauben an Christus berufen seid, vielmehr war dieselbe immer als fest und bewährt bei Ihm vorhanden. Sicher darf das erst als alt geschätzt werden und verdient Glauben und Verehrung, was seinen Ursprung in Gott hat. Denn die Gebilde der Menschen, wenn sie auch noch so viele Jahre alt sind, werden nicht so viel Ansehen erlangen, dass sie die Wahrheit Gottes verschütten.

    Wiederum ein neu Gebot schreibe ich euch. – Die Ausleger scheinen mir den Sinn des Apostels nicht getroffen zu haben. Neu nennt er nämlich das, was Gott täglich anrät und so gewissermaßen immer wieder neu macht, damit sich die Gläubigen ihr ganzes Leben darin üben, weil sie nichts Trefflicheres erstreben können. Die Anfangsgründe, welche die Knaben lernen, machen hernach einem tieferen und umfassenderen Unterricht Platz. Johannes hingegen leugnet, dass die Lehre von der Bruderliebe derart sei, dass sie mit der Zeit veralte, vielmehr habe sie beständig Geltung, so dass das letzte Ende ebenso sei wie der erste Anfang. Es war nötig, dass das hinzugefügt wurde, weil die Menschen, mehr als gut ist, an einer falschen Wissbegierde leiden und deshalb ein guter Teil von ihnen immer etwas Neues eifrig erstrebt. Daher kommt der Ekel vor einfacher Lehre, der eine Unmenge von Irrtümern gebiert, dass ein jeder immer wieder nach neuen Geheimnissen trachtet. Wo aber das feststeht, dass der Herr in dem alten Tone immer fortfährt, damit Er uns bei dem, was wir gelernt haben, das ganze Leben festhält, da ist solchen Begierden ein Zügel angelegt. Wer daher an das Ziel der Weisheit gelangen will, sofern es sich um die rechte Einrichtung des Lebens handelt, der soll in der Liebe Fortschritte machen.

    Das da wahrhaftig ist. – In diesem einen Gebot der Liebe, das auf die Einrichtung des Lebens zielt, besteht die ganze Wahrheit Christi. Was für eine andere, höhere Offenbarung ist denn zu erwarten? Denn Christus ist das Ziel aller Dinge. „Wahrhaftig“ bedeutet sozusagen einen Zustand, über den hinaus es nichts gibt, das heißt, es gibt nichts Höheres als das Gebot der Liebe; das Gebot der Liebe ist die absolute Wahrheit. Dass es in diesem Sinne wahrhaftig ist bei ihm und bei euch deutet auf eine Verbindung Christi mit den Seinen wie des Hauptes mit den Gliedern. Die Meinung ist: Der Leib der Gemeinde hat keine andere Vollkommenheit, oder ihr seid erst dann wirklich mit Christus vereinigt, wenn eine heilige Liebe unter euch im Schwange geht. Andere legen es anders aus: Was bei Christus Wahrheit ist, das ist es auch bei euch. Aber ich sehe nicht ein, worauf das zielen soll.

    Denn die Finsternis vergeht. – Die Zeitform der Gegenwart steht für die der Vergangenheit. Der Apostel meint nämlich, dass wir den vollen Glanz der Einsicht haben, sobald Christus aufgeht. Nicht als ob ein jeder Gläubige gleich vom ersten Tage an so viel Einsicht hätte, wie nötig ist (auch Paulus sagt Phil. 3, 12, dass er dem nachjage, das er noch nicht ergriffen habe), aber die Erkenntnis Christi genügt allein zur Verscheuchung der Finsternis. Also sind täglich Fortschritte nötig, und eines jeden Glaube hat zuerst seine Morgenröte und dann erst seine Mittagshöhe. Weil aber Gott dieselbe Lehre immer fortführt und uns befiehlt, in ihr Fortschritte zu machen, so wird die Erkenntnis des Evangeliums mit Recht das wahre Licht genannt, da Christus als die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht. So wird der Frechheit der Menschen der Weg versperrt, welche die Reinheit des Evangeliums mit ihren Erdichtungen zu verderben suchen; und es ist geboten, die ganze Theologie des Papstes zu verdammen, die dies wahre Licht ganz und gar verdunkelt.

    Wer da sagt, er sei im Licht, und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und ist kein Ärgernis bei ihm. – Der Apostel erklärt die Liebe für die einzige Regel, nach der das Leben einzurichten ist; er sagt ferner, dies Gesetz werde uns im Evangelium vorgeschrieben; er sagt endlich: Dort ist sozusagen das Mittagslicht, das unsere Augen fesseln muss. Nun schließt er, dass alle die blind sind und in der Finsternis irren, die von der Liebe fern sind. Dass er aber vorhin von der Liebe zu Gott redete und jetzt von der Liebe zu den Brüdern, das ist kein Widerspruch, oder höchstens der Widerspruch, der zwischen Ursache und Wirkung besteht; Liebe zu Gott und zu den Brüdern sind so miteinander verbunden, dass sie nicht auseinandergerissen werden können. Johannes sagt hernach, im 3. Kapitel, dass wir uns fälschlich der Liebe zu Gott rühmen, wenn wir den Nächsten nicht lieben – und das ist sehr wahr. Jetzt aber nimmt er die Liebe zum Nächsten gleichsam als ein Zeugnis dafür, dass Gott von uns geliebt wird. Kurz, da die Liebe so auf Gott schaut, dass sie in Gott die Menschen umfasst, so liegt darin nichts Törichtes, dass der Apostel bei seinen Erörterungen über die Liebe bald an Gott, bald an die Brüder denkt. Und das ist überhaupt der Gebrauch der Schrift. Oft wird die ganze Vollkommenheit des Lebens in die Liebe zu Gott gesetzt; hinwiederum lehrt Paulus (Römer 13.8): Der erfülle das ganze Gesetz, der den Nächsten liebt; und Christus (Matthäus 23.23) verkündigt: Die Hauptpunkte des Gesetzes seien Gerechtigkeit, Gericht und Wahrheit. Beides ist wahr und passt sehr gut zueinander: Die Liebe zu Gott leitet uns an, die Menschen zu lieben; anderseits bezeugen wir unsere Ehrfurcht gegen Gott dadurch, dass wir die Menschen nach Seinem Befehl lieben. Was es auch sei, das muss immer festbleiben, dass die Liebe das Ziel ist, nach dem wir unser Leben zu richten haben. Das muss man sich umso gewisser merken, weil jedermann alles Mögliche lieber erwählt als dies einzige Gebot Gottes. Eben darauf bezieht sich das, was folgt: Und ist kein Ärgernis bei ihm, nämlich da, wo Streben nach der Liebe ist; wer sein Leben so gestaltet, der wird ja nie anstoßen.

    Wer aber seinen Bruder hasset, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet. – Johannes erinnert wiederum daran, dass alles, auch die größte Tugend, fehlerhaft ist, wo die Liebe fehlt. Diese Stelle möge mit 1. Korinther 13 verglichen werden; sie bedarf keiner langen Auslegung. Übrigens ist der Welt diese Lehre so unbekannt, weil ein guter Teil in ich weiß nicht was für Torheiten erstarrt ist. Die erdichtete Heiligkeit hat fast allen die Augen abgestumpft, so dass die Liebe inzwischen vernachlässigt daliegt oder in den äußersten Winkel geworfen wird.