1. Johannes 1.8-10
So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt, und reinigt uns von aller Untugend. So wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.
So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. – Nun legt uns der Apostel die Gnade wegen ihrer Unentbehrlichkeit ans Herz. Weil ja niemand ohne Sünde ist, so bezeichnet er uns alle als verloren und verdammt, wenn der Herr uns nicht mit Seiner Verzeihung zu Hilfe kommt. Dass niemand unschuldig ist, betont er so stark, damit alle umso besser wissen, dass wir der Erbarmung bedürfen, die uns vom Elend erlöst, und damit alle umso mehr angespornt werden, ein so notwendiges Gut zu erlangen. Das Wort „Sünde“ bedeutet hier nicht nur die verkehrte Neigung, sondern die Schuld, die wir vor Gott haben. Da das Wort ganz allgemein lautet, so folgt, dass kein Heiliger der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ausgenommen wird. Daher widerlegt Augustin die Albernheit der Pelagianer leicht durch dies Wort; treffend hebt er nämlich hervor, das Bekenntnis der Schuld werde nicht verlangt um unserer Demütigung willen, sondern damit wir uns nicht durch Lüge täuschen. Wenn der Apostel hinzufügt: Die Wahrheit ist nicht in uns, so bekräftigt er nach seiner Art durch Wiederholung den vorhergehenden Satz.
So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt. – Wiederum verheißt er den Gläubigen, Gott werde ihnen gnädig sein, nur sollten sie sich als Sünder erkennen. Es liegt viel daran, dass wir fest überzeugt sind, die Versöhnung mit Gott liege für uns greifbar bereit, wenn wir gesündigt haben. Sonst tragen wir ja immer die Hölle in uns. Wenige erwägen zwar, wie elend und unglücklich das Schwanken des Gewissens ist. Und doch liegt die Sache so: Die Hölle regiert, wo kein Friede mit Gott ist. Umso mehr müssen wir diese Verheißung mit ganzem Herzen ergreifen, die allen eine gewisse Vergebung anbietet, die ihre Sünden bekennen. Weiter lehrt uns der Apostel, dass Gott vergibt, weil Er treu und gerecht, das heißt wahrhaftig und zuverlässig ist. Die Auslegung nämlich, dass Gott hier als gerecht bezeichnet werde, weil Er uns aus Gnaden gerecht spricht, dünkt mich zu scharfsinnig. Seine Gerechtigkeit ist ein Ausfluss Seiner Treue; beide aber hängen mit Seiner Verheißung zusammen. Gott könnte ja auch gerecht sein und doch nach strengem Recht mit uns verfahren. Da Er sich uns aber durch Sein Wort verpflichtet hat, so will Er nur als der Vergebende für gerecht gehalten werden. Übrigens schließt dies Bekennen, das vor Gott geschieht, die wahre Reue in sich ein. Gott vergibt freilich umsonst, aber so, dass Sein Erbarmen, das so leicht zu erlangen ist, keine Reizung zur Sünde wird.
Und reinigt uns. – Das Wort reinigen scheint hier in anderem Sinne aufgefasst werden zu müssen als vorhin. Vorhin hatte Johannes gesagt, dass wir durch das Blut Christi gereinigt werden, weil uns durch Seine Wohltat die Sünden nicht angerechnet werden. Nun aber, nachdem er von der Vergebung geredet, fügt er auch hinzu: Gott reinigt uns von Untugend. So unterscheidet sich das zweite Satzglied vom ersten, und nach des Apostels Meinung wächst uns eine doppelte Frucht aus dem Bekennen der Sünden zu, nämlich, dass Gott, durch das Opfer Christi versöhnt, uns vergibt und dass Er uns bessert und erneuert. Wenn jemand entgegnet, wir würden niemals, solange wir in der Welt sind, von aller Ungerechtigkeit gereinigt, so ist das, was unsere Erneuerung angeht, wahr; aber Johannes lehrt nicht, was Gott jetzt in uns zustande bringt. Er sagt: Er ist treu, dass Er uns reinigt, nämlich nicht nur heute und morgen. Solange wir vom Fleisch umgeben sind, müssen wir in beständigem Wachstum sein; was der Herr aber einmal angefangen hat, daran arbeitet Er täglich weiter, bis Er es endlich zustande gebracht hat. So sagt Paulus (Kolosser 1.22), wir seien erwählt, dass wir ohne Tadel vor Gott erscheinen. Und an anderem Orte (Epheser 5.27): Die Gemeinde ist gereinigt, dass sie ohne Flecken und Runzel sei. Indessen, wenn jemand unsere Stelle anders auslegen will, als ob sie das gleiche zweimal sage, so lasse ich ihm darin Freiheit.
So machen wir ihn zum Lügner. – Der Apostel geht noch weiter und sagt, dass man Gott lästert, wenn man sich Reinheit zuschreibt. Wir sehen also, dass er ohne Unterschied das ganze menschliche Geschlecht der Sünde zeiht. Wer dieser Beschuldigung zu entfliehen trachtet, fängt also Krieg mit Gott an, ja er beschuldigt Ihn der Lüge, als ob Er Unschuldige belaste. Zur Bekräftigung fügt Johannes hinzu: Sein Wort ist nicht in uns, als ob er sagen wollte, wir verwürfen Gottes allein maßgebende Lehre, welche alle Menschen unter die Schuld einschließt. Daraus merken wir, dass wir erst dann wirkliche Fortschritte in dem Wort des Herrn gemacht haben, wenn wir wirklich gedemütigt sind, so dass wir, seufzend unter der Last der Sünden, es lernen, unsere Zuflucht zu Gottes Gnade zu nehmen, und nirgends anders Ruhe finden als in Seiner väterlichen Verzeihung.