1. Johannes 1.1-2
Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir beschaut haben und unsere Hände bestastet haben, vom Wort des Lebens, (und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, welches war bei dem Vater, und ist uns erschienen):
Im Eingang stellt der Apostel den Satz auf, das Leben sei uns in Christus dargereicht. Welch ein unvergleichliches Gut ist das! Wie muss es daher alle unsere Sinne mit einem sonderbaren Verlangen an sich ziehen und entflammen. Mit wenigen und einfachen Worten wird gesagt, das Leben sei erschienen. Aber wenn wir erwägen, wie elend und schrecklich das Todeslos ist, und wiederum, was das Reich Gottes und Seine unsterbliche Herrlichkeit wert sind, dann empfinden wir hier mehr und Größeres, als man irgend mit Worten ausdrücken kann. Das ist also die Absicht des Apostels, unsere Herzen emporzuheben dadurch, dass er uns das große Gute, die große und einzigartige Seligkeit vorhält, welche uns Gott in Seinem Sohne geschenkt hat. Aber da die Größe der Sache erfordert, dass die Wahrheit gewiss und sicher sei, so verweilt er dabei länger. Denn alle jene Ausdrücke „Was wir gesehen haben, was wir gehöret haben, was wir beschauet haben“ und dergleichen dienen dazu, den Glauben an das Evangelium festzumachen. Solchen Eifer im Bekräftigen wendet der Apostel nicht umsonst an. Da im Evangelium unser Heil besteht, ist seine Gewissheit eine mehr als notwendige Sache. Wie schwer uns aber der Glaube wird, weiß ein jeder von uns aus eigener Erfahrung gut genug. Das Glauben, sage ich, nicht das Meinen oder bloße Zustimmen und Billigen ist, sondern das Ergreifen vermöge einer festen und unzweifelhaften Überzeugung, so dass wir wagen, unsere Namen darunter zu setzen, als wären wir mit dabei gewesen. Deshalb bringt der Apostel so viel zur Bekräftigung des Evangeliums vor.
Das da von Anfang war. – Da die Rede abgerissen ist, so muss man, damit der Sinn klarer hervortritt, die Worte so auflösen: Wir verkündigen euch das Wort des Lebens, das von Anfang war, und das uns auf jede mögliche Weise bezeugt worden ist; dies Wort verkündigen wir euch, weil in ihm das Leben erschienen ist. Dieser Satz: „Das da von Anfang war“ bezieht sich ohne Zweifel auf die Gottheit Christi. Denn nicht von Anfang an war Gott im Fleisch offenbar, sondern der, der immer das Leben war und das ewige Wort Gottes, ist in der Fülle der Zeit als Mensch erschienen. Was nun folgt von dem Beschauen und Betasten mit den Händen, geht mehr auf die menschliche Natur. Aber da zwei Naturen eine Person ausmachen und es nur einen Christus gibt, der vom Vater ausgegangen ist, dass Er unser Fleisch anzöge, so predigt der Apostel mit Recht beides: Eben derselbe sei in Ewigkeit unsichtbar gewesen und sei hernach gesehen worden. Diese Lehre des Evangeliums wird hier als Wahrheit geltend gemacht, nämlich dass der, der im Fleisch sich wahrhaftig als Sohn Gottes bewiesen hat und als Sohn Gottes anerkannt worden ist, in Ewigkeit das unsichtbare Wort Gottes gewesen ist. Denn der Apostel deutet hier nicht bloß auf den Anfang der Welt, sondern steigt noch höher hinaus.
Das wir gehört haben, das wir gesehen. – Dies Hören war nicht das Hören eines Gerüchts, dem man wenig Glauben beizumessen pflegt; nein, Johannes betont, er sei über das, was er lehrt, zuvor vom Meister gründlich unterwiesen worden, so dass er nichts leichtfertig vorbringe. Sicher ist keiner in der Kirche ein geeigneter Lehrer, der nicht vorher ein Schüler des Sohnes Gottes gewesen und in Seiner Schule gründlich unterwiesen worden ist, da allein Christi Ansehen etwas gelten darf. Nicht zufrieden mit dem einfachen „sehen“ fügt der Apostel hinzu: Wir haben beschaut, und unsere Hände haben betastet. Mit diesen Worten bezeugt er, dass er nichts anders lehre, als was er gründlich erkannt habe. Indessen der Beweis der Sinne scheint im vorliegenden Falle wenig Gewicht zu haben. Denn die Herrlichkeit Christi konnte weder durch die Augen noch durch die Hände erfasst werden. Ich erwidere, dass hier dasselbe gesagt wird, wie im ersten Kapitel des Evangeliums: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater.“ Nicht an der äußeren Figur des Körpers wurde der Sohn Gottes erkannt, sondern daran, dass Er herrliche Beweise Seiner göttlichen Macht gab, so dass in Ihm, gleichsam wie in einem lebendigen und deutlichen Bilde, des Vaters Herrlichkeit erstrahlte. Da die Zeitwörter in der Mehrzahl stehen und das Besagte auf alle Apostel in gleicher Weise zutrifft, so lege ich die Mehrzahl (wir) gern von ihnen aus, besonders da es sich um das Gewicht des Zeugnisses handelt.
Vom Wort des Lebens. – Das heißt so viel, wie das „lebendige“ Wort, denn in Ihm war das Leben, wie das erste Kapitel des Evangeliums lehrt. Dieser Titel kommt dem Sohne Gottes mit doppeltem Rechte zu, sowohl weil Er das Leben in alle Kreaturen ausgegossen hat, als auch, weil Er jetzt bei uns das Leben wiederherstellt, das durch die Sünde Adams ausgelöscht und zugrunde gegangen war. Aber auch der Ausdruck „Wort“ erleidet eine doppelte Auslegung, sowohl von Christus, als von der Lehre des Evangeliums; denn auch durch diese wird uns das Heil gebracht. Indessen, da der Inhalt des Evangeliums Christus ist und es nichts anderes erklärt, als dass der, der immer beim Vater war, endlich den Menschen offenbart wurde, so scheint mir die erstere Auslegung einfacher und treffender.
Und das Leben ist erschienen. – Das Wörtlein „und“ steht hier etwa in dem Sinne: Wir geben Zeugnis von dem lebendigen Wort, weil in Ihm das Leben erschienen ist. Indessen kann die Meinung eine doppelte sein: Entweder dass Christus erschienen ist, der das Leben und die Quelle des Lebens ist, oder dass das Leben uns in Christus offenkundig dargereicht ist. Dies Zweite folgt notwendig aus dem Ersten. Was aber die Bedeutung der Worte angeht, so unterscheiden sich diese beiden Auslegungen wie Ursache und Wirkung. Wenn der Apostel wiederholt: Wir verkünden euch das Leben, das ewig ist, so redet er ohne Zweifel von der Wirkung, nämlich, dass uns durch Christi Wohltat das Leben geschenkt ward. Daraus schließen wir, dass Christus uns nicht verkündigt werden kann, ohne dass uns das Himmelreich geöffnet wird, so dass wir, vom Tode erweckt, Gottes Leben haben.
Welches war bei dem Vater. – Es war beim Vater, nicht nur seit die Welt geschaffen ist, sondern von aller Ewigkeit her. Immer war Gott die Quelle des Lebens. Die Kraft aber und Fähigkeit, Leben zu schaffen, war bei Seiner ewigen Weisheit; indessen hat Er diese Kraft tatsächlich nicht vor der Schöpfung der Welt geoffenbart. Seit aber Gott anfing das Wort hervorzubringen, hat sich jene Kraft, die vorher verborgen vorhanden war, in die Kreaturen ergossen. Schon das war eine gewisse Offenbarung des Lebens. Aber der Apostel hat etwas anderes im Sinn, nämlich, dass damals erst das Leben erschienen ist in Christus, als Er, in unser Fleisch gehüllt, das Werk der Erlösung vollbrachte. Obwohl die Väter, auch unter dem Gesetz, Genossen und Teilhaber eben dieses Lebens waren, so wissen wir doch, dass sie in die Hoffnung, welche offenbar werden sollte, eingeschlossen gewesen sind. Auch sie mussten das Leben aus dem Tod und der Auferstehung Christi nehmen; das war ein Ding, das nicht nur den Augen weit entrückt, sondern auch den Gedanken verborgen war. Sie waren also angewiesen auf die Hoffnung der Enthüllung, die erst zu seiner Zeit erfolgte. Sie konnten zwar kein Leben erlangen, das ihnen nicht auf irgendeine Weise offenbar geworden war; aber zwischen uns und jenen ist ein großer Unterschied, weil wir den, den sie als einen Verheißenen suchten, nun als einen Erschienen gleichsam mit den Händen festhalten. Übrigens will der Apostel der Meinung entgegentreten, als wäre das Evangelium etwas Neues, wodurch seine Würde hätte gemindert werden können. Deshalb sagt er, das Leben habe nicht jetzt erst angefangen, weil es erst vor kurzem erschienen ist, vielmehr war es in alle Ewigkeit beim Vater.