Ernest Hemingway
Leseprobe
„Er wird anbeißen“, sagte der alte Mann vernehmlich. „Gott, hilf ihm, dass er anbeißt.“
Aber er biss nicht an. Er war weg, und der alte Mann fühlte nichts.
„Er kann nicht weg sein“, sagte er, „um Christi willen, er kann nicht weg sein. Er macht eine Wendung. Vielleicht ist er früher schon mal festgehakt gewesen, und er erinnert sich dunkel daran.“
Dann spürte er das lese Tasten an der Leine, und er freute sich.
„Es war nur einer Wendung“, sagte er. „Er wird anbeißen.“
Er freute sich, als er das sanfte Zupfen spürte, und dann fühlte er etwas Hartes und unglaublich Schweres. Es war das Gewicht des Fisches, und er ließ die Leine, die sich von der ersten der zwei Reserverollen abwickelte, auslaufen, hinunter, hinunter. Als sie hinunterlief und dabei leicht durch die Finger des alten Mannes glitt, konnte er immer noch das große Gewicht spüren, obwohl der Druck seines Daumens und Zeigefingers nahezu unmerklich war.
„Was für ein Fisch“, sagte er, „jetzt hat er ihn seitlich im Maul, und er zieht damit fort.“
(Ausschnitt aus: Ernest Hemingway – Der alte Mann und das Meer; Rowohlt Taschenbuch Verlag)
Inhalt
„Es war einmal ein alter Mann, …“ – so beginnt eines der größten Buchklassiker des 20.Jarhunderts: Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway: Der Kampf zwischen dem Fischer, dem alten Mann – und wir erfahren zwischendurch auch mal kurz seinen Namen: Santiago heißt er – und dem Fisch… nicht irgendeinem Fisch, sondern einem riesigen Marlin, den der alte Mann nach fast drei Monaten erfolgloser Fischerei am Haken hat – alleine, in der heißen Sonne, mit sich selbst und dem Fisch redend, in Hoffnung und Trauer – und irgendwann kommen dann auch noch die Haie, um ihm seinen Fang streitig zu machen…
Biographie
Ernest Hemingway wurde 1899 in Oak Park/Illinois als zweites von insgesamt sechs Kindern geboren. Nach dem Besuch der High-School und ersten Erfahrungen als Lokalreporter meldete es sich mit 18 Jahren als freiwilliger Transportfahrer des Roten Kreuzes und wurde in Italien stationiert wo er während der 2. Piave-Schlacht schwer verwundet wurde. Nach dem Krieg in Paris als Korrespondent tätig, zog er 1928 mit seiner zweiten Frau nach Key West, ab 1939 lebte er dann mit seiner dritten sowie späteren vierten Frau bis kurz vor seinem Freitod 1960 auf Kuba, erst 1959 siedelte er aufgrund gesundheitlicher Gründe in die USA zurück.
Hemingways Schaffen ist stark autobiographisch: Es fließen sowohl seine Teilnahmen an den Weltkriegen ein (während des zweiten Weltkriegs war Ernest Hemingway als Kriegsreporter tätig); viele seiner Romane und Erzählungen handeln von seinen Leidenschaften für Hochseefischerei, Großwildjagd, Stierkampf und Boxen; sind geprägt von persönlichen Erfahrungen sowie familiären Verhältnissen; und auch die Orte, an denen der gelebt und gearbeitet hat, fließen in vielfältiger Form ein…
Bewertung
Es war einmal ein alter Mann ist ein erzählerischer Hochgenuss, bei dem Ernest Hemingway seine Erzählkunst in feinster und bester Manier beweist: Abgesehen vom Anfang, wo der alte Mann mit dem Jungen redet, spielt sich die Handlung und das Erzählerische einzig und allein um den alten Mann herum ab – und wer hier jetzt denkt, die Handlung wäre langweilig und flach, der hat sich absolut geirrt, denn Hemingways Erzählkunst glänzt sowohl mit fachlichem Hintergrundwissen, welches er geschickt einwebt, als auch mit bildlicher Erzählsprache sowie mit dem die Handlung begleitendem psychologischen Tiefgang, die die gesamte Szenerie zu einem Drama führt, bei dem der Leser mit dem alten Mann mitfiebert, mitfühlt und mitleidet! Daher eine absolute Leseempfehlung für dieses hervorragende Buch!