Carl Zuckmayer
Leseprobe
FRAU HOPRECHT: Was denn, Friedrich?
HOPRECHT: Ach so. Ja, ich hätte gedacht, dass ich diesmal zum Vizefeldwebel befördert werde. Zum überzähligen natürlich, das hätte auch von Rechts wegen so sein müssen. Ich wollte dich da überraschen mit, deshalb hab ich nie was gesagt.
FRAU HOPRECHT: Na und, Friedrich?
HOPRECHT etwas gereizt: Na und? Na und! Es is eben nichts geworden. Da is sone neue Verfügung rausgekommen, irgend sone Etatsverkürzung von oben herunter, genau weiß ich’s selbst nicht, es hat sich keiner recht ausgekannt. Die aktiven Militäranwärter kommen zuerst, und von den Reservisten dürfen’s nur soundso viele sein, das ging dann nach dem Datum des Dienstantritts, kurzum, ich war nicht dabei.
FRAU HOPRECHT: Da kannst Du aber doch gar nichts für, Friedrich.
HOPRECHT: Natürlich kann ich nichts dafür. Aber darauf kommt’s ja nu gar nicht an! Ich meine nur, dass so was immer nach Bestimmung geht, nach Papier, und nicht nachm Verdienst, nachm Menschen! Das hat unser Hauptmann auch gesagt. Na, nu kann man nichts machen.
(Ausschnitt aus: Carl Zuckmayer – Der Hauptmann von Köpenick; Fischer Verlag)
Inhalt
Etwa 10 Jahre vor dem 1. Weltkrieg: Wilhelm Voigt ist gerade aus seiner langjährigen Haft entlassen – in die für ihn neue Welt der preußischen Bürokratie und des ebenso preußischen Militärdenkens. Um sesshaft zu werden, kommt bei seiner Schwester und ihrem Ehemann, den Hobrechts, unter, um sich eine Arbeit zu suchen. Doch um eine Arbeit zu suchen, benötigt er einen Pass – doch um einen Pass zu erhalten, benötigt er eine Arbeit… und so sucht Voigt nicht nur eine Lösung aus dem Dilemma, sondern durchschaut auch das bürokratische System, dem sein Schwager durch seine Nicht-Beförderung ebenso zum Opfer fällt wie am Ende das System selbst durch Voigts Handeln…
Biographie
Carl Zuckmayer wurde 1896 in Nackenheim/ Rheinhessen geboren. Durch den 1. Weltkrieg begann seine akademische Studium-Laufbahn erst 1920. Daneben beschäftigte er sich schon früh mit Schreiben von Theaterstücken und Dramen, anfangs im Auftrag verschiedener Theater, 1925 gelang ihm mit seiner Komödie Der fröhliche Weinberg der Durchbruch. Seinen größten Erfolg feierte er 1931 mit Der Hauptmann von Köpenick, wobei er sehr schnell in Konflikt mit den Nazis geriet und mit deren Machtergreifung 1933 das Land in Richtung Österreich verließ; nach dessen Angliederung ans Deutsche Reich gelangte er über unterschiedliche Stationen in die USA, wo er bis 1957 lebte. In dieser Zeit erschien 1946 auch sein Stück Des Teufels General, welches sein erfolgreichste Publikation nach dem 2. Weltkrieg werden sollte. Ab 1957 lebte Zuckmayer in der Schweiz, wo er 1977 verstarb.
Bewertung
Carl Zuckmayers Version der realen Persönlichkeit des Wilhelm Voigt ist eine vielseitige Geschichte: Teilweise lustig, dann melancholisch-traurig, wiederum auch satirisch oder ernsthaft die Fehler des Systems betonend oder einfach nur den geschichtlichen Kontext erzählend – und dabei glänzt Zuckmayers „Deutsches Märchen“ besonders durch seine Berliner Schnauze, die das Lesen zu einem Erlebnis macht…