Herman Melville
Leseprobe
Nennt mich Ismael. Vor einigen Jahren – wie viele es sind, tut nichts zur Sache –, als mein Beutel so gut wie leer war und an Land mich nichts Besonderes hielt, kam mir der Gedanke, ich könnte ein bisschen zur See fahren und mir den wässrigen Teil der Welt besehen. Das ist so meine Art, den Trübsinn zu verjagen und die Säfte wieder in Fluss zu bringen. Immer wenn ich merke, dass ich grämliche Falten um den Mund bekomme, immer, wenn müder, nieselnder November meine Seele erfüllt, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich unwillkürlich vor Sargmagazinen stehenbleibe und hinter jedem Leichenzug hertrotte, der mir begegnet; ganz besonders aber, wenn Gift und Galle in mir so überhand nehmen, dass ich all meine moralischen Grundsätze aufbieten muss, um nicht auf die Straße hinauszulaufen und den Leuten mit vollem Bedacht die Hüte herunterzuschlagen – dann halte ich’s für die allerhöchste Zeit, zur See zu gehen, und zwar sofort.
(Ausschnitt aus: Herman Melville – Moby Dick; Insel Verlag)
Inhalt
Ismael heuert als Matrose auf dem Walfänger Pequod an – doch schon bald merkt er, dass dieses Schiff und seine Besatzung nicht auf eine normale Walfang-Reise gehen, denn Ahab, der Kapitän der Pequod, hat eigene Ziele: Die Suche nach dem verhassten Weißen Wal Moby Dick, der ihm sein eines Bein abgebissen hat! Und somit beginnt eine dramatische Jagd auf den Wal, getrieben von Ahabs Hass und ohne Gnade, bis es schlussendlich zum Aufeinandertreffen und finalen Kampf in den weiten der Ozeane kommt…
Biographie
Herman Melville wurde 1819 als drittes Kind schottischer Einwanderer geboren. Nach dem Bankrott seines Vaters musste Melville frühzeitig die Schule abbrechen und trat verschiedene Berufe an, bis er 1841, mit 22 Jahren, auf einem Walfänger in Nantucket anheuerte – um ein Jahr später bei dem Aufenthalt auf Nuku Hiva/ Marquesas zu desertieren: Der Basis für sein erstes Buch Typee, welches er nach einer abenteuerlichen Rückreise auf mehreren anderen Walfängern 1846 veröffentlichte. Er heiratete ein Jahr später und widmete sich auch weiterhin, neben anderen beruflichen Tätigkeiten, der Literatur: Sein Werk Moby Dick erschient 1851, geriet jedoch in Vergessenheit und wurde erst in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt. Herman Melville – mehr als 30 Jahre nach seinem Tod 1891.
Bewertung
Eines meiner absoluten Lieblings-Bücher: Basierend auf den realen Geschehnissen um den Weißen Wal Mocha Dick und den Walfänger Essex, von biblischer und mythologischer Symbolik geprägt, mit sozialen sowie historischen Hintergründen durchflochten und einem dramatischen Spannungsbogen bis zum finalen Ende!
Ich muss allerdings denjenigen, der dieses Buch lesen möchte, darauf hinweisen, dass ein großer Teil des Buches das Hintergrundwissen über Walfang, Seefahrt, Wale und andere damit zusammenhängende Themen behandelt, so dass es ein flüssiger Handlungsstrang nicht durchgehend besteht.