1. Predigt über Melchisedek - Teil 4

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TEIL IV

Nun sagt Mose, der König von Sodom sei vor Abram gekommen. Er fährt dann fort: Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein hervor. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten, und segnete ihn ... Und demselben gab Abram den Zehnten von allem.

Wenn irgendeine Erzählung in der Heiligen Schrift bemerkenswerter ist, so ist es diese. Und es ist nicht nur eine Erzählung, sondern ein lebendiges Bild, das unseren Herr Jesus Christus so darstellt, wie im 110. Psalm von Ihm gesprochen wird. Denn nicht ohne Grund heißt es dort, Gott habe geschworen, und es werde Ihn nicht gereuen; der feierliche Schwur, den Er geleistet habe, werde unerschütterlich sein: Jesus Christus ist ein Priester nach der Weise Melchisedeks. Wenn wir bloß diese tiefe Erzählung hätten, so stünde Melchisedek vor uns als ein Priester Gottes, aber seinem Stande nach in keiner Weise Abram gleich. Weit entfernt davon! Denn es wird nachher gesagt, Abram sei der Vater aller Gläubigen und der ganzen Kirche, und alle, die Kinder Gottes sind, müssen seine geistlichen Kinder sein. Melchisedek musste also in einer Beziehung geringer sein als er. Es steht aber fest, dass ihm Mose eine Würde zuschreibst, die über Abrams hinausgeht; so spricht auch der Apostel (Hebräer 5.6 & 5.10) davon und führt es sehr schön aus. Das werden wir nachher sehen. Manche haben geglaubt, dieser Melchisedek sei Sem, aber das hat keine Wahrscheinlichkeit für sich. Und wenn es so wäre: Hätte Abram dann solange gezögert, den Patriarchen Sem zu besuchen, von dem er abstammte? Es besteht kein Zweifel daran, dass er sich zunächst nicht an ihn gewandt hat, und dass er sogar nicht einmal in seiner Nachbarschaft gewohnt hat. Melchisedek war König von Salem, und Abram hätte sich unter seinem Schutz niederlassen können; aber er ist durch das ganze Land gezogen, und dabei wird Melchisedek nicht erwähnt! Weiter hat es guten Grund, wenn der Apostel angibt, Melchisedek sei ohne Vater und ohne Mutter gewesen (Hebräer 7.3), ohne Anfang und ohne Ende, wie ein Mensch, der vom Himmel gekommen und unsterblich wäre. Nicht als ob Melchisedek nicht von menschlicher Art und nicht auch ein Mensch gewesen wäre! Aber der Apostel will sagen, er werde eingeführt, wie wenn er nie geboren worden wäre. Man weiß nicht, von welchem Vater er gezeugt und von welcher Mutter er geboren wurde. Man weiß nichts von seinem Stamm oder von seinem ganzen Leben, und es wird ferner nichts gesagt von seinem Tod, ja, er ist sogar Priester des lebendigen Gottes. Dabei taucht er auf, um danach sogleich wieder zu verschwinden und unterzutauchen, und man weiß nicht, wie und zu welcher Zeit. Nun zeigt der Apostel, dass Melchisedek ein Bild unseres Herrn Jesu Christi gewesen ist, der, obgleich Er ewiger Sohn Gottes ist, doch keinen Vater nach der gewöhnlichen Weise hat, da ja sein göttliches Wesen geistlich und ewig ist, und da Er ja auch auf wunderbare Weise außerhalb der Naturordnung durch den heiligen Geist empfangen wurde. Obgleich Er gestorben ist, so ist doch Sein Leben trotzdem ewig. Er hat sogar uns allen das Leben erworben, als Er nach Seinem Willen für uns gestorben ist. Er ist also ohne Anfang und ohne Ende. Ohne Anfang, weil Er ewiger Gott ist, und ohne Ende, da wir in Ihm Ewigkeit haben, wie es im Propheten Jesaja heißt (Jesaja 60.22, vgl. 48.18 ff): Wer wird das Geschlecht berichten, das von ihm kommen wird? Die Kirche ist unsterblich in der Kraft unseres Herrn Jesu Christi. Es steht also über allen Zweifeln fest, dass Er ohne Ende ist. Davon wird jedoch noch ausführlicher zu handeln sein; jetzt berühren wir es kurz, um zu zeigen, dass es sich hier nicht um Sem gehandelt hat. Hier sieht man dann auch, warum David den Erlöser, der kommen soll, ausdrücklich mit Melchisedek vergleicht.

Ehe wir nun weitergehen, wollen wir darauf achten, dass es in Anbetracht dessen, dass die ganze Erde damals voll Götzendienst war, eine wunderbare Gnade Gottes war, dass Melchisedek sich so rein gehalten hat. Denn das Haus des Vaters Abram war eine Götzenhöhle, wie wir schon oben ausgeführt haben und wie der Heilige Geist durch den Mund Josuas bezeugt (Josua 24.2). Wenn also im Lande Chaldäa, das doch dem Wohnort und der Wirkungsstätte Noahs, Sems und seiner Stammesgenossen am nächsten lag, alles so verdorben war, wenn der Teufel den Dienst Gottes dort schon verkehrt und mit so viel Befleckung beschmutzt hatte – wie ist es da möglich, dass es im Lande Kanaan, wo das Volk böse ist, dort wo eitel Gottlosigkeit und Verachtung Gottes und Empörung herrschen, wo alles voll Ungerechtigkeit, Hinterlist, Betrug, Grausamkeit und Gewalttat ist, dass dort ein Priester des lebendigen Gottes lebt?

Daran sehen wir, wie Gott manchmal Seine Kirche sozusagen unter der Erde verborgen hält, und wie sie, nach der Meinung der Menschen, von niemand gekannt wird. Aber es genügt, dass Gott sie kennt. Das bezeugt uns also Melchisedek. Man hätte glauben können, es habe damals keinen einzigen Menschen gegeben, der Gott in Reinheit und Einfalt angebetet hätte. Wenn der Großvater Abrams und seine ganze Verwandtschaft teuflischen Irrtümern anhingen und wenn sie den Abgöttern dienten, wie musste es dann um die übrigen stehen? Man hätte also glauben mögen, die Kirche Gottes sei ganz vernichtet. Aber man sieht, wie Er ein kleines Samenkorn von ihr bewahrt hat, indem Er nach Seinem Willen Melchisedek zum Priester machte! Und das in einem Land, das noch mehr in allerlei Ungerechtigkeit versunken war als die anderen!