1. Predigt über Melchisedek

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Die erste Predigt über die Geschichte Melchisedeks,
in der auch die Befreiung Lots durch Abram behandelt wird.

 

1. Mose 14.13-16

Da kam einer, der entronnen war, und sagte es Abram, dem Hebräer, der da wohnt im Hain Mamres, des Amoriters, welcher ein Bruder war Eskols und Aners. Diese waren mit Abram im Bunde. Als nun Abram hörte, dass sein Bruder gefangen war, wappnete er seine Knechte, dreihundertundachtzehn, in seinem Hause geboren, und jagte ihnen nach bis gen Dan und teilte sich, fiel des Nachts über sie mit seinen Knechten und schlug sie und jagte sie bis gen Hoba, das zur Linken der Stadt Damaskus liegt, und brachte alle Habe wieder... 

 

 

TEIL I

Wir haben die gestern begonnene Geschichte von der Befreiung Lots weiterzuführen. Wir sehen dabei in erster Linie, wie Gott seine Güte und seine Gunst gegen Abram damit kundgetan hat, dass Er ihm dazu verhalf, Lot zurückzuholen. Deshalb sagt Mose ausdrücklich: Einer, der entkommen war, sei zu Abram, dem Hebräer, gekommen. Diese Bezeichnung soll keine Geringschätzung bedeuten, denn der Stamm Ebers trug diesen Namen (1. Mose 10. 21 ff), und Eber war ein Nachkomme Sems. So war Abram schon gleichsam von Gott ausgesondert, um nicht unter den Kanaanäern befleckt zu werden. Aber wie dem auch sein mag, Mose bezeichnet ihn mit diesem Namen, als ob er sagen wollte, er sei ein Fremdling gewesen und sei in jenes Land Kanaan als in die Fremde gekommen. Nun verstehen wir, dass er verachtet wurde, da er dort weder Verwandte noch Freunde hatte; doch erweist ihm Gott trotzdem die Gnade und das Vorrecht, dass er zur rechten Zeit und am rechten Ort von dem über seinen Neffen hereingebrochenen Unheil Nachricht bekommt, so dass er dabei helfen kann.

Nun fügt Mose hinzu, dass er mit seinen Nachbarn verbündet war. Wir haben früher gesehen, dass er hin- und herziehen musste, weil er überall unfreundlich empfangen wurde; wohin er auch kam, vertrieb man ihn. Zwar hat ihm Gott, um ihn zu üben, wohl befohlen, das Land weit und breit zu durchziehen (1. Mose 13.17); aber schon vorher hatte die Notwendigkeit ihn dazu gezwungen. Seine Tugenden haben ihm also ohne Zweifel eine gewisse Autorität verschafft, so dass man ihn aufgenommen hat und die führenden jenes Landes ihn als ihren Freund betrachtet und einen Bund zur gegenseitigen Hilfe mit ihm geschlossen haben. Zwar werden oft alle Tugenden der Welt derartiges nicht erreichen; aber hier treffen zwei Dinge zusammen. Erstens werden die, die aufrichtig und rechtschaffen leben, zunächst versuchen, ihr Leben in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu führen; aber indem sie Gott dienen, werden sie auch Menschlichkeit gegen ihre Nächsten zeigen und so die Bosheit derer brechen, die sonst bereit waren, ihnen Unheil zuzufügen. Und in der Tat führt auch Petrus (1. Petrus 3.8 ff) dieses Argument an, wenn er die Knechte dazu ermahnt, Gutes zu tun und denen zu dienen, denen sie es schuldig sind. Er sagt, dadurch könnten sie es erreichen, dass man sie nicht quäle und nicht misshandle. Aber, sagt er, ob ihr auch um Gerechtigkeit willen leiden müsst, so sollt ihr Gott auch darin preisen, damit euer Gewissen euch nicht anklagt. Darauf haben wir zu achten. Zweitens segnet Gott dann die, die in solcher Aufrichtigkeit wandeln, und erweicht die Herzen der Menschen. Wenn also hier berichtet wird, dass Abram Verbündete hatte, so hat er es doch gewiss so gehalten, dass seine Freundschaft selbst von denen begehrt wurde, die ihm vorher möglicherweise in Feindschaft gegenüberstanden oder ihn sogar gerne geschunden und beraubt hätten; bei diesen entstand der Wunsch, sich mit ihm zu verbünden. Denn es steht fest, dass Abram sich niemals unter die gemischt hat, die Gott schon verdammt hatte, obgleich er die Vollstreckung seines Urteils noch aufschob; das hätte auch der Verheißung widersprochen. So hat Abram sich immer unberührt gehalten, um den ihm verheißenen Segen nicht zu vermindern. Wie dem aber auch sein mag: Es ist sicher, dass er es nicht abgelehnt hat, einen Bund einzugehen, um im Frieden leben zu können und nicht ganz ungeschützt und verlassen zu sein. Solches dient uns, wie ich schon gesagt habe, zur Mahnung für unseren Verkehr mit den Menschen. Auch wenn sie gleichsam Dornen haben und uns damit stechen, und auch wenn wir von ihnen beschimpft worden sind, so müssen wir trotzdem versuchen, uns so zu betragen, dass wir ihre etwaige Bosheit und Härte erweichen, wenn sie erkennen, dass wir bloß Frieden suchen und ihnen zu dem Ihrigen verhelfen wollen. Obgleich sie versuchen, uns zu schaden, und obgleich sie sich in keiner Weise so gegen uns betragen, wie es billig wäre, so müssen wir doch darauf hoffen, dass Gott ihre bösen und giftigen Herzen ändern und sie so zurückhalten werde, dass wir doch wie Schafe mitten unter den Wölfen unablässig von der Hand des himmlischen Hirten behütet und beschützt werden.