RÖMER

Römer Kapitel 4 Teil V

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Römer 4.11-12

Das Zeichen aber der Beschneidung empfing er zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er hatte, als er noch nicht beschnitten war, auf dass er würde ein Vater aller, die da glauben und nicht beschnitten sind, dass ihnen solches auch gerechnet werde zur Gerechtigkeit; und würde auch ein Vater der Beschneidung, derer, die nicht allein beschnitten sind, sondern auch wandeln in den Fußstapfen des Glaubens, welcher war in unserm Vater Abraham, als er noch nicht beschnitten war.

 

Das Zeichen aber der Beschneidung empfing er zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er hatte, als er noch nicht beschnitten war. – Der durch die bisherige Darstellung nahe gelegte Gedanke, dass also die Beschneidung völlig unwirksam und überflüssig sei, da sie doch keine Gerechtigkeit schafft, wird nun von vornherein abgeschnitten. Der Beschneidung eignet nämlich ein hoher Wert, weil sie die Gerechtigkeit des Glaubens versiegelt und versichert. Gerade aus diesem ihrem Zweck ergibt sich freilich von neuem, dass sie nicht die Ursache der Gerechtigkeit sein kann. Sie bekräftigt die Gerechtigkeit, die bereits in der Vorhaut vorhanden war, und tut weder etwas hinzu noch hinweg. Damit empfangen wir einen trefflichen Bescheid über den Wert der Sakramente überhaupt: Sakramente sind (nach dieser Aussage des Apostels) Siegel, welche Gottes Gnadenzusagen unserm Herzen, dass ich so sage, einprägen und die Gewissheit der Gnade bekräftigen. Helfen sie auch an sich nichts, so wird doch der Gott, der sie als Mittel Seiner Gnade brauchen wollte, ihnen durch verborgene Gnadenwirkung Seines Geistes bei den Erwählten Frucht schaffen. Für die Verworfenen sind sie freilich nur tote und unnütze Bilder – und doch bleibt ihnen ihre Kraft und Natur; denn unser Unglaube kann uns zwar um ihre Wirkung bringen, kann aber nicht Gottes Wahrheit umstürzen und vernichten. Wir halten also fest, die Sakramente sind Zeugnisse, mit denen Gott Seine Gnade unsern Herzen versiegelt. Über das Sakrament der Beschneidung im Besonderen ist zu sagen, dass dasselbe eine zwiefache Gnadengabe zur Darstellung bringt. Gott hatte dem Abraham den gesegneten Samen verheißen, welcher der ganzen Welt das Heil bringen sollte. Davon hing ja die Erfüllung der Zusage ab: „Ich will dein Gott sein.“ Jenes Zeichen schloss also die Versöhnung mit Gott aus freier Gnade in sich, und es deutete durch seine Form darauf hin, dass die Gläubigen auf den verheißenen Samen ihre Erwartung richten sollten. Seinerseits aber forderte Gott (dies ist das zweite) Reinheit und Heiligkeit des Lebens, und das Zeichen deutete den Weg an, welcher dazu führt: Am Menschen muss beschnitten werden, was vom Fleisch geboren ist, denn seine Natur ist durch und durch sündig. Das äußere Zeichen erinnerte also den Abraham, dass es gilt, das Verderben des Fleisches geistlich zu beschneiden (vergleiche auch 5. Mose 10.16). Dass aber solches nicht der Menschen, sondern Gottes Werk ist, darauf deutet der Umstand, dass das Gebot der Beschneidung auf junge Kinder zielt, die es doch um ihres Alters willen nicht selbst befolgen konnten. So erscheint auch 5. Mose 30.6 die geistliche Beschneidung als ein Werk der Kraft Gottes: „Der Herr wird dein Herz beschneiden.“ Und die Propheten sprechen dies nachmals noch viel deutlicher aus. Die Beschneidung bestand also, wie unsere Taufe, aus zwei Stücken: Sie bezeugte Vergebung der Sünden und zugleich Erneuerung des Lebens. Wenn übrigens bei Abraham die Beschneidung erst nach der Rechtfertigung vollzogen wurde, so findet ein Ähnliches durchaus nicht immer bei den Sakramenten statt, wie man bei Isaak und seinen Nachkommen sehen kann. Gott wollte aber gleich im Anfang ein Beispiel geben, welches zeigt, dass das Heil nicht an äußeren Dingen hängt.

Auf dass er würde ein Vater. – So bestätigt Abrahams Beschneidung unseren Glauben an die freie Gnade. Denn sie ist eine Bekräftigung der Glaubensgerechtigkeit, welche auch uns geschenkt wird, wenn wir nur glauben. So lenkt Paulus mit eigenartiger Kunst den Einwurf der Gegner auf sich selbst zurück. Kann man, was die eigentliche Wahrheit und Kraft der Beschneidung ausmacht, schon in der Vorhaut haben, so schwindet ja alles Recht für die Juden, sich über die Heiden so erhaben zu dünken. Eine Frage allerdings könnte noch aufgeworfen werden, welche der Apostel unberührt lässt: Müssen nicht auch wir nach dem Beispiel Abrahams die Beschneidung als ein Siegel der Gerechtigkeit empfangen? Aber es versteht sich ja von selbst: Wenn die Beschneidung nicht die Grundlage, sondern lediglich ein Siegel der Gerechtigkeit ist, so haben wir sie nicht mehr nötig, da wir an ihrer statt ein anderes von Gott eingesetztes Zeichen besitzen. Wo die Taufe in Übung steht, empfangen auch die Heiden ohne Beschneidung das Siegel der Glaubensgerechtigkeit und treten damit in Abrahams Fußstapfen.

Derer, die nicht allein beschnitten sind, sondern auch wandeln in den Fußstapfen des Glaubens, welcher war in unserm Vater Abraham, als er noch nicht beschnitten war. – Das heißt, welche nicht bloß den Namen der Beschneidung, sondern auch das Wesen derselben haben. Denn die fleischlichen Nachkommen Abrahams, an welche Paulus hier denkt, waren nur zu oft mit der äußeren Zeremonie zufrieden und rühmten sich derselben in falscher Sicherheit. Die Hauptsache, die Nachfolge des Glaubens, durch welchen allein Abraham selig wurde, ließen sie dahinten. Man beachte, wie sorgfältig hier der Apostel zwischen Glaube und Sakrament unterscheidet: Nicht bloß will er die Genügsamkeit zerstören, welche dem Sakrament auch ohne Glauben Rechtfertigungskraft zuschreibt, er will auch einprägen, dass der Glaube völlig für alles ausreicht. Denn wenn Paulus ausspricht, dass auch die Juden, die von der Beschneidung sind, gerechtfertigt werden, so fügt er ausdrücklich hinzu: Natürlich nur, wenn sie in Abrahams Nachfolge am Glauben allein festhalten. Dabei ist ausdrücklich von dem Glauben die Rede, welchen Abraham hegte, als er noch nicht beschnitten war. Es muss also doch der Glaube allein gelten und keine Stütze brauchen. Die Gerechtigkeit ruht nicht halb auf dem Glauben und halb auf dem Sakrament. Damit fällt auch der Unterschied, welchen die katholischen Kirchenlehrer zwischen den Sakramenten des Neuen und des Alten Bundes behaupten: Die ersteren sollen Rechtfertigungskraft besitzen, die letzteren nicht. Denn wenn der Beweis des Paulus überhaupt recht hat, dass die Gerechtigkeit nicht aus der Beschneidung kommen könne, weil sie dem Abraham durch den Glauben zuteil ward, so gilt der gleiche Grund auch für die Taufe: Auch sie kann nicht die Rechtfertigung schenken, welche allein dem Glauben in Abrahams Nachfolge gehört.